Veranstaltung zur Internetökonomie

Veränderung der Arbeitsbedingungen – Aufgaben für Gewerkschaften!

  • 17.05.2017
  • sst
  • Aktuelles

Plattformen wie Upwork vermitteln Freiberufler rund um den Globus. Sie setzen damit einen globalen Wettbewerb und eine Lohnspirale nach unten in Gang. Diese Entwicklung ist nicht zwangsläufig, sagt der US-amerikanische Autor Steven Hill auf einer Veranstaltung im IG Metallhaus und plädiert für Regularien. Die durchzusetzen ist auch Aufgabe von Gewerkschaften.

Der US-amerikanische Autor Steven Hill stellte am Dienstagabend im Gewerkschaftshaus Thesen vor, wie sich Arbeitsbedingungen und Sozialstaat im Zuge der Ausweitung der Auftragsvergabe über Internetplattformen verändern können.

Als Beispiel nannte er die im Silicon Valley basierte Plattform Upwork. Diese hat nur 250 feste Beschäftigte, vermittelt aber weltweit zehn Millionen Selbstständige an Auftraggeber. Die bei Upwork registrierten Selbstständigen sind zum Beispiel Ingenieure, Software-Entwickler, Grafikdesigner oder Juristen. Sie arbeiten zwar für Upwork, sind dort aber nicht beschäftigt, sondern werden als Freiberufler rekrutiert.

Wenn Unternehmen früher Tätigkeiten ins Ausland verlagern wollten, mussten sie dort ein Werk eröffnen. Das war mit Aufwand und Kosten verbunden. Heute können sie über Plattformen wie Upwork einzelne Leute per Internet rekrutieren. Auslagerung wird damit viel einfacher möglich und ist zudem schneller und billiger.

Auf Upwork bieten sogenannte Selbstständigen ihre Leistungen zu einem bestimmten Preis an. Während Freiberufler aus Deutschland oder den USA für eine Stunde Arbeit um die 60 Euro pro Stunde verlangen müssen, können Menschen aus Thailand oder Indonesien die gleiche Tätigkeit für bereits zwei Euro anbieten. Dabei sind sie gut ausgebildet, haben eine gute technische Ausstattung und die Möglichkeit, ihre Arbeitsergebnisse per Internet hochzuladen. Auch in Rumänien, Bulgarien und anderen osteuropäischen Ländern bieten sich viele Beschäftigte über Upwork an. Damit wurde ein massiver Wettbewerb in Gang gesetzt, bei dem eine Lohnspirale nach unten entsteht.

Zudem zahlen weder Plattformen noch Auftraggeber Sozialversicherungsbeiträge für die geleistete Arbeit, sondern lediglich die vereinbarten Stundenlöhne. Für Krankenversicherung oder Rente müssen die Beschäftigten selber sorgen.

Gleichzeitig zwingt Upwork jedoch die bei ihm Tätigen „Selbstständigen“, eine Software auf ihren Computer zu laden, die unter anderem die Tastenanschläge auf dem Rechner überwacht, um sicherzustellen, dass die Freiberufler in der vereinbarten Zeit auch wirklich arbeiten und nicht Kaffee trinken. Während also die Leute formal als Selbstständige behandelt werden, und auch in der Realität oft für verschiedene Plattformen und Auftraggeber tätig sind, will Upwork jedoch ihre komplette Arbeitstätigkeit und Leistung überwachen als wären sie Angestellte des Unternehmens.

Allein aus Deutschland sind 18.200 Menschen auf Upwork registriert. Zudem ist Upwork zwar die größte, aber nicht die einzige Plattform. Eine weitere ist zum Beispiel die in Texas beheimate Plattform Crossover. Der Investor ESW, dem Crossover gehört, hat Anfang des Jahres Aktien der Firma Redknee gekauft, die in Spandau noch ca. 140 Software-Entwickler beschäftigt. Die Beschäftigten bei Redknee haben nun die Sorge, dass ihre Arbeitsplätze künftig über die Plattform Crossover vergeben werden sollen.

Nach Schätzungen der IG Metall sind in Deutschland mindestens eine Million Menschen als Clickworker auf solchen Plattformen tätig. Andere Schätzungen gehen sogar von zwei Millionen aus. Neben der Frage, wie der Lohnkonkurrenz nach unten Einhalt geboten werden kann, stellt sich auch eine andere Frage. Denn für die geleistete Arbeit zahlen die Unternehmen keinerlei Beiträge in die Sozialversicherungssysteme ein.

Offizielle Zahlen unterschätzen nach Ansicht von Steven Hill systematisch das Ausmaß der Beschäftigung über solche Plattformen. Die Art und Weise, wie Stichproben zu  Beschäftigungsverhältnissen erhoben werden, entspricht nicht mehr den heutigen Arbeitsrealitäten. So wird bei der Befragung der Haushalte nach einem Beschäftigungsverhältnis und nach einem Zweitjob gefragt. Schon zu diesem Zweitjob werden allerdings kaum vertiefende Fragen gestellt. Überhaupt nicht gefragt wird nach einem Dritt-, Viert- oder Fünftjob. Damit ist es nicht möglich, diese neuen Realitäten am Arbeitsmarkt auch statistisch abzubilden. Gleichzeitig erleben wir aber seit Anfang des Jahrtausends eine drastische Zunahme von Teilzeit, befristeten Jobs und Solo-Selbstständigkeit. Diese Personen sind eine wahrscheinliche Zielgruppe für diese neuen Plattformen, weil sie ihr Einkommen aufbessern müssen. Unbefristete Vollzeitbeschäftigung nimmt hingegen stark ab. Deshalb rechnen viele, dass sich diese Phänomene weiter stark ausbreiten werden.

Was kann man nun dagegen tun?

Das Wichtigste ist aus Sicht von Steven Hill ein Sozialversicherungsnetz, das diesen Realitäten angepasst ist und den Beschäftigten auch bei wechselnden Teilzeit und Kurzzeit-Jobs eine gute soziale Absicherung bietet. Die Künstlersozialkasse bietet in Deutschland schon ein Modell, wie eine Sozialversicherung für Freiberufler (in dem Fall in künstlerischen Berufen) organisiert werden kann. Beschäftigte zahlen ganz normal ihre Hälfte der Sozialversicherungsbeiträge, die andere Hälfte bringen Unternehmen oder Staat auf. Eine Künstlersozialkasse für alle könnte also ein Modell für die Zukunft sein.

Aktuell zahlen Unternehmen überhaupt keine Beiträge zur Sozialversicherung für über Plattformen vergebene Arbeiten. Für Beschäftigte unterstellt das deutsche Sozialversicherungssystem immer noch eine Vollzeitstelle bei einem Arbeitgeber - und das idealerweise langfristig oder gar lebenslang. Es muss jedoch künftig möglich sein, auch dann eine gute Absicherung zu erhalten, wenn man ganz unterschiedliche Kurzzeit-Einsätze für verschiedene Auftraggeber kombiniert. Das heißt, Auftraggeber müssen gezwungen werden, zusätzlich zum Lohn auch Beiträge in die Sozialversicherung zu zahlen.

Wenn Unternehmen die Sozialversicherungsbeiträge nicht mehr vermeiden können, wenn sie auf Freiberufler ausweichen, dann sinkt auch der Druck auf andere Unternehmen, ebenfalls feste Stellen in Plattformtätigkeiten umzuwandeln, um Kostennachteile gegenüber der Konkurrenz zu vermeiden.

Um die Bezahlung von Sozialversicherungsbeiträgen durch die Unternehmen durchzusetzen, ist die Offenlegung der Daten dieser Plattformen wichtig und muss gesetzlich festgeschrieben werden. Normale Unternehmen sind ja ebenfalls verpflichtet, ihre Beschäftigtenzahl und gezahlten Einkommen dem Finanzamt zu melden.

Dass dies auch für Plattformunternehmen möglich ist, zeigt ein Beispiel aus Austin in Texas. Die Stadt verabschiedete ein Gesetz, dass den Fahrdienst Uber zwingen sollte, seine Daten offenzulegen. Das Unternehmen drohte, sich aus Austin zurückzuziehen, sollte das Gesetz tatsächlich in Kraft treten. Die Bevölkerung und die Politiker ließen sich nicht erpressen und das Gesetz trat tatsächlich in Kraft. Uber zog sich wie angekündigt aus der Stadt zurück. Doch statt eines Einbrechens des Marktes für Mitfahrgelegenheiten – was viele nach dem Rückzug von Uber befürchtet hatten – entstanden sofort vier neue Unternehmen, die genau diesen Dienst gesetzeskonform anbieten. Da die Technologien bekannt und hinreichend verbreitet sind, führt eine stärkere Regulierung solcher Plattformen keinesfalls zu weniger Konkurrenz, sondern könnte im Gegenteil die Konkurrenz beleben, da die heutigen Anbieter überwiegend Monopole sind. China zeigt, dass eine Regulierung selbst von Diensten wie Google möglich ist.

Wir sollten also stärker diskutieren, wie wir diese Entwicklungen sinnvoll regulieren und unsere Lebensbedingungen und sozialen Standards schützen können, so dass der technische Fortschritt tatsächlich als soziale Errungenschaft allen zu Gute kommt.

Weitere Vorschläge zu Regulierung, Hintergründen und Daten zu Plattformarbeit finden sich in Stevens Buch: Steven Hill, „Die Startup Illusion: Wie die Internetökonomie unseren Sozialstaat ruiniert“, Droemer Knaur Verlag, 14,99 Euro.


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