NS-Zwangsarbeit

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Mahnmal zur Erinnerung an die NS-Zwangsarbeit in Spandau

150 Gäste waren gekommen, darunter der CDU-Bürgermeister, zwei SPD-Bundestagsabgeordnete und viele andere mehr, als das "Spandauer Bündnis gegen Rechts" am 8. Mai 2004 gemeinsam mit Betriebsräten der IG Metall Berlin bei strahlendem Sonnenschein ein Mahnmal zur Erinnerung an die NS-Zwangsarbeit der Öffentlichkeit übergab.

Vier Jahre lang war das Bündnis aktiv gewesen, um an die 40.000 Menschen zu erinnern, die in diesem Berliner Bezirk während der NS-Zeit in über 100 Lagern inhaftiert und zu Zwangsarbeit gezwungen waren. Mit Hilfe von Überlebenden der NS-Zwangsarbeit, von Betriebsräten bei BMW, Siemens, Osram, Schleicher, Bosch-Siemens-Hausgerätewerk, der Evangelischen Kirche und mit Spenden von Stiftungen und Parteien gelang es, das von dem Künstler Ingo Wellmann erstellte Mahnmal schließlich ohne einen Zuschuss des Bezirks zu finanzieren.

Als CDU und FDP, die in der Kommune die Mehrheit haben, verlangten, dem Bezirk dürften auch in Zukunft keine Kosten entstehen, übernahm die IG Metall Berlin auch noch die Patenschaft für das Mahnmal und sagte zu, unter ihren Mitgliedern zu sammeln, falls in Zukunft Instandhaltungskosten entstehen.

Eine etwa 2 Meter hohe stilisierte Figurengruppe aus Sandstein, die gemeinsam eine schwere Last aus Bronze trägt, erinnert nun auf dem Gelände des Evangelischen Waldkrankenhauses an das Leid dieser Menschen. In einem Gebäude direkt hinter dem Mahnmal ist eine Ausstellung untergebracht, die mit zeitgeschichtlichen Dokumenten und eindringlichen Bildern an die NS-Geschichte und die Zwangsarbeit in Berlin erinnert. "Sklaven- und Zwangsarbeit bedeutete nicht nur Vorenthalten des gerechten Lohns. Sie bedeutete Verschleppung, Heimatlosigkeit, Entrechtung, die brutale Missachtung der Menschenwürde. Oft war sie planvoll darauf angelegt, die Menschen durch Arbeit zu vernichten."

Dieses Zitat von Bundespräsident Rau auf dem Sockel des Mahnmals unterstreicht das Anliegen der Initiative und der IG Metall: Die Erinnerung wach zu halten an die Verbrechen der NS-Zeit, damit diese Verbrechen sich nie wiederholen.

Wolfgang Walter, Betriebsrat beim Siemens Messgerätewerk in Spandau, hielt für die IG Metall eine mit viel Beifall bedachte Rede:

"Verehrte Anwesende, was zählt im Gedenken an die vielen Opfer der Zwangsarbeit - es zählt die Lebendigkeit des Gedenkens. Was lässt uns heute hier zusammenkommen - es ist die Lebendigkeit unseres Gedenkens, - es ist unser Umhergetriebensein von der eigenen Geschichte, der deutschen und es ist die gemeinsame Überzeugung des "Nie wieder", die uns zusammenführt.

Bürger und Repräsentanten der Kommune legen heute ein Zeugnis ab. Mit einem Denkmal legen sie für Spandau ein öffentliches Zeugnis ab. Bürger und Repräsentanten der Kommune Spandau begreifen ihre Geschichte,
an diesem Tag der Befreiung greifen wir sprichwörtlich nach der eigenen Geschichte, verschweigen nicht, verstecken nicht, vergessen nicht, erinnern.

Wir erinnern an das Schicksal vieler hierher Verschleppter, 400 bis 500 Tausend an der Zahl für Berlin, davon 40.000 nach Spandau verschleppt.

Wir erweisen diesen vielfach Geplagten, Ausgenutzten, zur Kriegsarbeit Getriebenen in Fabriken Geschundenen Söhnen und Töchtern unserer Nachbarvölker - Opfern der Rassenhetze und der religiösen und politischen Verfolgung - wir erweisen diesen Menschen eine Referenz und verbeugen uns vor ihnen.

Die IG Metall verbeugt sich vor denen, die - historisch gesehen - eine Arbeiter- und eine Gewerkschaftsbewegung nicht schützen konnte. Die Entrechtung und Auflösung freier Gewerkschaften war gewissermaßen der Vorbote für eine Arbeitskultur des Zwangs, die der nationalsozialistische Staat in vielen Facetten durchsetzte.

Es war deshalb nur folgerichtig, wenn sich im Nachkriegsdeutschland alle maßgeblichen politischen Kräfte auf eine starke und unabhängige Rolle der Gewerkschaften als einen Garanten für die Freiheit verständigten – auch dies gehört in den Umkreis von Erinnerung.

Unter denen, die heute die Erinnerung an Zwangsarbeit wach halten, stehen deutlich wahrnehmbar die Gewerkschaften und nicht zuletzt die IG Metall. Arbeit als Mühsal, Joch und Ausbeutung – das sind ureigenste Gewerkschaftsthemen. Arbeit als Raubbau am Menschen, ja als Vernichtung – das sind Kernthemen, denen sich eine Gewerkschaft stellen muss - gestern und heute.

Deshalb auch – und als ihren Beitrag zum Zustandekommen des Denkmal-Projekts - hat sich die IG Metall Berlin verpflichtet, in Zukunft die Pflegschaft für dieses Denkmal der Zwangsarbeit zu übernehmen.

Weitere Beiträge auf diesem Feld sind nötig. Die Industriegeschichte der Zwangsarbeit in Spandau, der Arbeitslager, der beteiligten Firmen, ob Luftfahrtgerätewerke, Deutsche Industriewerke AG oder Siemens, ist noch nicht geschrieben. Die Aufarbeitung der Vergangenheit ist nicht abgeschlossen, solange Firmenarchive einer interessierten Öffentlichkeit und den Opfern verschlossen bleiben.

Doch zurück zum Hier und Heute. Das Denkmal, das wir sehen, ist eine Referenz an die Opfer, eine künstlerische Referenz. Als Kunstwerk erlaubt es jedem Betrachter, diese Referenz auf seine eigene, persönliche Weise herzustellen, die eigene Existenz in ein Verhältnis zur Geschichte zu setzen.

Und an diesem Ort, einem Krankenhaus, denkt man schon eher und schon einmal mehr über das Leben nach als andernorts. – Hier, auf dem Gelände des Ev. Waldkrankenhauses ist die Besinnung auf das, was Leben ausmacht, und auf menschliche Grunderfahrung doch auf eine andere Art möglich als auf dem Weg vom Bus zur U-Bahn oder beim Einkaufen. Und die Nähe zur Ausstellung "Arbeiterstadt Große Halle" tut ein Übriges.

Ich will damit nicht die Querelen um den Standort des Denkmals vergessen machen, und sie mögen vielleicht noch ein wenig nachwehen. Aber heute zählt das hier und jetzt, dass Bürger Spandaus, engagierte Mitglieder von Initiativgruppen, Betriebsräte und Repräsentanten dieser Kommune hier und heute zusammengekommen sind, um der Einweihung eines Denkmals beizuwohnen, eines Denkmals, das an die 40.000 Frauen und Männer erinnert, die in dieser Stadt vor 60 Jahren Zwangsarbeit verrichten mussten. Ich danke für die Aufmerksamkeit."

Zur Info: Das Mahnmal steht vor Haus 16 auf dem Gelände des Evangelischen Waldkrankenhauses, Stadtrandstraße 555. Das Krankenhaus ist vom Rathaus Spandau aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen über die Buslinien 237, 130 und 131. Wer auch die Ausstellung sehen will, wird gebeten, sich vorher beim Krankenhaus anzumelden: Tel. (030) 37020.


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