Aktive Mittagspause bei Francotyp Postalia & FP InovoLabs:

„Wir sind kein Sanierungsfall“

  • 16.03.2021
  • Jörn Breiholz
  • Aktuelles, Bildergalerie, Betriebsräte/Vertrauensleute

Wenn das alte Management Fehler macht, entlässt das neue Management erstmal jeden fünften Beschäftigten. Logisch? Nein, natürlich nicht: Daher legten heute gleich 100 Beschäftigte bei Francotyp Postalia und FP Inovolabs eine aktive Mittagspause ein und schickten die vermeintlichen Kündigungen symbolisch wieder zurück.

Gute Belegschaft, gute Aktion: Aktive Mittagspause bei Francotyp-Postalia und FP Inovolabs

Carsten Lind ist der neue Vorstandsvorsitzende von Francotyp-Postalia (FP), dem deutschen Marktführer von Frankiermaschinen aus Berlin. Man könnte denken, der Mann stürze sich voller Elan in die neue Aufgabe und versuche, Entscheidendes auf den Weg zu bringen, um den deutschen Marktführer mit seinem Tochterunternehmen FP InovoLabs GmbH in eine gute Zukunft zu bringen. Aber Carsten Lind fällt nicht mehr ein als das, was so viele aus dem Management tun: Beschäftigte entlassen und Kosten senken, um kurzfristig ein bisschen mehr Rendite raus zu holen.

Herz und Know-how der Firmen liegen in den Belegschaften

In seiner Geschichte hat Francotyp Postalia schon viele Krisen durchlaufen. Oft haben die Kreativität und die Innovation der Mitarbeiter dafür gesorgt, dass es weiter geht und die nächste Stufe der Evolution erreicht werden konnte. „Herz und Know-how der Firmen liegen in den Belegschaften und nicht bei den Managern mit kurzlaufenden Verträgen und dem Streben nach kurzfristiger Profitmaximierung“, sagt Claus-Peter Schuster, der Vorsitzende des Gemeinschaftsbetriebsrats.

Um zu zeigen, was die Belegschaft davon hält, wenn eine neue Geschäftsführung als Begrüßung erst einmal 50 der insgesamt 300 Arbeitsplätze am Standort Berlin abbauen will, hat die Belegschaft heute mit etwa 100 Kolleginnen und Kollegen eindrucksvoll vor dem Werkstor demonstriert. „Zukunft“ lautete die Forderung auf vielen Schildern, die die FP-Beschäftigten hochhielten. IG Metall-Fahnen, Trillerpfeifen und kämpferische Reden beherrschten das Bild vor dem Betriebsgebäude. A3-große Kündigungs-Schilder schickten die Beschäftigten symbolisch wieder zurück.

„Seit 2015 bin ich Festangestellter, weil hier Kollegen waren, die sich für Ihr Produkt, für ihr Unternehmen und für die Strategie des Unternehmens interessiert haben", sagte beispielsweise Wilko Waitz, der bei FP InovoLabs arbeitet und sprach damit aus, was viele hier motiviert: ein gutes Team für ein gutes Produkt zu sein. Claus-Peter Schuster zählte auf, was Francotyp-Postalia nicht brauche: Kosten für fünf Vorstände etwa oder „eine riesige Schar externer Berater, die uns nach der Zeit fragen und dafür hohe Rechnungen schreiben.“

Eine ernsthafte Zusammenarbeit mit dem Tarifpartner

„Was wir brauchen, ist ein funktionierendes, profitables Kerngeschäft“, sagte der Vorsitzende des Gemeinschaftsbetriebsrats. „Das klassische Geschäft hat bei FP über Generationen das Geld erwirtschaftet, das dann durch Fehleinschätzungen und Fehlplanungen wieder verbrannt oder abgezweigt wurde.“ Er forderte auch „die ausreichende Beteiligung der FP-Mitarbeiter*innen mit ihrem Engagement und ihrem FP-Knowhow“ sowie „die fairen Regelungen eines Tarifvertrages und eine ernsthafte Zusammenarbeit mit dem Tarifpartner.“

„Mit der Aktion machen wir deutlich, dass wir für den Erhalt der Arbeitsplätze kämpfen und uns gemeinsam für gute Tarifbedingungen einsetzen“, sagte Thomas Weber, der für FP zuständige Gewerkschaftssekretär der IG Metall Berlin. „ Francotyp-Postalia hat nur mit den Beschäftigten eine Zukunft und nicht gegen sie. Diese Zukunft wollen wir als IG Metall gemeinsam mit den Beschäftigten gestalten.“