30.10.2025 | Bis 1973 kamen etwa 14 Millionen sogenannte „Gastarbeiter:innen“ nach Deutschland. Doch wer waren die Menschen, die im Rahmen von Anwerbeabkommen nach Deutschland kamen? Was bewegte sie? Antworten darauf gibt unsere Fotoausstellung, die bis zum 4. November im IG Metall-Haus zu sehen ist. Am Mittwochabend wurde sie im Rahmen einer Jugendveranstaltung feierlich eröffnet.
Am Mittwochabend, den 29. Oktober, wurde die Ausstellung „70 Jahre Anwerbeabkommen – Wie ‚Gastarbeiter:innen‘ gleichberechtigte Kolleg:innen wurden“ feierlich mit einer Jugendveranstaltung eröffnet, zu der auch verschiedene Berliner Jugendverbände eingeladen waren. Gemeinsam wurde über die Geschichte der sogenannten „Gastarbeiter:innen“ und ihre Bedeutung für die heutige Gesellschaft diskutiert. Im Mittelpunkt stand der Austausch über Migration, Solidarität und gesellschaftliche Teilhabe – Themen, die auch viele der jungen Teilnehmenden persönlich berühren.
Özge Karabulut, die sich sowohl im Ortsjugendausschuss als auch im Arbeitskreis Migration engagiert, fand den Abend besonders bereichernd: „Die Ausstellung zeigt so eindrücklich, wie viel Mut und Stärke in den Geschichten der ersten Generation steckt. Viele Erfahrungen, die ich aus meiner eigenen Familie kenne, aber auch im gewerkschaftlichen Kontext von den Kolleg:innen aus dem Migrationsausschuss der IG Metall, kamen hier wieder zur Sprache. Die Arbeitskämpfe, die sie gelebt haben und immer noch leben sind sehr inspirierend, auch für uns, die junge Generation. Es war bewegend zu merken, dass andere ähnliche Geschichten teilen. Dieser Austausch hat uns alle näher zusammengebracht und gezeigt, wie aktuell das Thema auch heute noch ist.“
70 Jahre Anwerbeabkommen – ein Blick zurück
Vor 70 Jahren, am 20. Dezember 1955, wurde als Reaktion auf personelle Engpässe in den Betrieben das erste Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und Italien unterzeichnet. In der Folge wurden acht weitere Abkommen mit anderen Ländern geschlossen. Bis zum Anwerbestopp im Jahr 1973 kamen etwa 14 Millionen sogenannte Gastarbeiter:innen in die Bundesrepublik Deutschland (BRD), von denen 11 Millionen wieder in ihre Heimatländer zurückkehrten. Ohne sie wäre die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands, insbesondere das Wirtschaftswunder der 1950er- und 1960er-Jahre, undenkbar gewesen.
Auch die Deutsche Demokratische Republik (DDR) hatte mit zehn Staaten ähnliche Verträge abgeschlossen. Bis zur Wende kamen etwa 200.000 Vertragsarbeiter:innen ins Land.
„Deutschland brauchte dringend Arbeitskräfte, und wen bittet man um Hilfe? Natürlich die Nachbarn. Sie wurden eingeladen, um Wirtschaft und Infrastruktur mit aufzubauen. Deshalb nannte man sie damals Gastarbeiter“, ordnet Izzet Kalkan, Sprecher des Arbeitskreises Migration, ein.
Doch wer waren diese Menschen und was bewegte sie? In unserer Fotoausstellung porträtieren wir exemplarisch neun von ihnen, die nach Deutschland kamen, um sich ein besseres Leben aufzubauen. Sie trafen auf Ungerechtigkeit und entwickelten den Wunsch, sich gemeinsam mit der IG Metall für andere stark zu machen.
„Dank der IG Metall haben viele von ihnen gelernt, für ihre Rechte einzustehen. Sie nahmen an Arbeitskämpfen teil, saßen aber lange nur am Rand des Tisches. Erst 1972 durften sie mitwählen und selbst für den Betriebsrat kandidieren. Den Errungenschaften, die sie damals gemeinsam mit der IG Metall erkämpft haben, verdanken wir, dass wir heute als Mitbürgerinnen und Mitbürger mit Migrationshintergrund anerkannt sind. Diese Geschichte zeigt: Um seine Rechte zu erlangen, braucht man starke Verbündete und die IG Metall steht auch heute fest an der Seite derjenigen, die Unterstützung brauchen“, betont Izzet Kalkan.
Philipp Singer, Erster Bevollmächtigter (komm.) der IG Metall Berlin, ruft dazu auf, die Ausstellung zu besuchen: „Die Ausstellung ist ein wichtiger Beitrag zur Erinnerungskultur und zur Anerkennung der Leistungen von Menschen mit Migrationsgeschichte. Gerade in Zeiten, in denen Menschen allein wegen ihrer Herkunft als Störfaktor im Stadtbild bezeichnet werden, zeigt sie, wie sehr unsere Gesellschaft von Vielfalt profitiert. Sie erinnert uns daran, dass unsere gemeinsame Geschichte und gelebte Solidarität das Fundament unserer heutigen Gesellschaft bilden.“
Ausstellung im IG Metall-Haus
Die Fotoausstellung „70 Jahre Anwerbeabkommen – Wie ‚Gastarbeiter:innen‘ gleichberechtigte Kolleg:innen wurden“ ist noch bis zum 4. November im Foyer des IG Metall Hauses zu sehen und kann während der Öffnungszeiten besucht werden.