Start-up-Kolleg*innen und IG Metall arbeiten zusammen

Babbel - Beschäftigte wählen Betriebsrat

  • 12.03.2020
  • Michael Netzhammer
  • Aktuelles

Im November 2019 kündigte die Babbel-Geschäftsführung vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kalt und willkürlich per Mail. Mit Betriebsrat wären diese Entlassungen so einfach nicht möglich gewesen. Mit dieser Erkenntnis wandten sich einige Beschäftigte des Start-up an die IG Metall. Die intensive Zusammenarbeit zeigte Früchte: Bei Babbel gibt es nun einen Betriebsrat. Kündigen ist jetzt nicht mehr so einfach.

Die Sprachlern-App von Babbel ist nicht nur preisgekrönt, sondern auch die weltweit erfolgreichste Sprachlern-App. Jedenfalls steht es so auf der Webseite des Berliner Unternehmens. 2007 in Berlin gegründet, hat Babbel konsequent die App um Service-Angebote erweitert und 2018 bereits über 100 Millionen Euro Umsatz erzielt. Die Babbel-Methode finden viele Sprachinteressierte – mit ihr kann man 14 Sprachen lernen – ansprechend.
 
Klingt wie eine schöne Erfolgsstory. Fanden auch die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Berlin. Doch dann der Schock. Im November wurde kurzfristig ein unternehmensweites Meeting einberufen, in dem es dann hieß: „Wer in der nächsten halben Stunde diese Mail erhält, muss unser Unternehmen verlassen.“ Wie viele der Beschäftigten eine solche Mail erhalten haben, wissen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bis heute nicht – denn einen Betriebsrat, der solche Zahlen einfordern kann, gab es damals nicht. Seit dem 10. März 2020 gibt es ihn.

„Als es im November zu einer großen Welle an Entlassungen kam, wurde mir klar, dass ein Betriebsrat als Institution mit all seinen Mitbestimmungsmöglichkeiten grundsätzlich fehlt“, sagt Ute Obertreis, die als Mitglied des Wahlvorstandes die Gründung des Betriebsrates mit auf den Weg gebracht hat. Denn ein Betriebsrat kann sich, ausgestattet mit den Möglichkeiten des Betriebsverfassungsgesetzes, für die Interessen der Beschäftigten einsetzen. Willkürlich anmutende Kündigungen wie im Falle Babbel wären so nicht möglich gewesen. Getroffen hat es zum Beispiel junge Eltern, Werkstudierende oder Kolleg*innen ohne deutschen Pass, deren Visa-Status ohne Arbeitsplatz gefährdet ist.

IG Metall unterstützt Babbel-Beschäftigte
Wie aber gründet man einen Betriebsrat? Was ist dabei zu beachten? Mit ihren Fragen wandten sich die Gründer*innen an die IG Metall Berlin. Und so trafen junge Start-up-Beschäftigte auf junge IG Metall-Sekretäre. „Wir haben uns mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in kleinen Runden zusammengesetzt, haben ihre Fragen in Q&A-Sessions (Frage-und-Antwort-Runden) besprochen, die juristischen Details erläutert und sie im Gründungsprozess unterstützt“, sagt der Berliner Gewerkschaftssekretär Sören Lieske.

Bereits im November hatten die Babbel-Beschäftigten ihren Wahlvorstand gewählt. In den darauffolgenden Wochen haben sich viele von ihnen zur Kandidatur für den Betriebsrat entschieden. Die Beschäftigten gaben schließlich am 18.02. ihre Stimmen ab und vier Monate nach den Entlassungen gibt es erstmals einen Betriebsrat bei Babbel.

Die Unterstützung seitens der IG Metall hat den Beschäftigten sehr geholfen, sagt Betriebsrat Daniel Schweighöfer: „Die Unterstützung war alles in allem sehr gut! Ohne die Beratung wäre das auf jeden Fall nicht so glatt über die Bühne gegangen.“ Auch Ute Obertreis hebt die positive Zusammenarbeit heraus. „Ich schätze den fachlichen Rat der Beteiligten seitens der IG Metall sehr. Doch noch wichtiger ist mir - das habe ich im Verlauf des Prozesses gemerkt - die große mentale Unterstützung der engagierten Gewerkschaftssekretäre (ja, ich habe nur Jungs in dieser Position bisher kennengelernt) und das Wissen, dass wir grundsätzlich nicht allein für Arbeitnehmerrechte einstehen. Gemeinsam sind wir stärker.“

Aha-Erlebnis für beide Seiten
Der intensive Beratungsprozess und der gemeinsame Austausch waren für die Gewerkschaftssekretäre wie auch die Kolleginnen und Kollegen bei Babbel spannend. Da geht was, so der gemeinsame Tenor. Start-ups und Gewerkschaften jedenfalls sind kein Gegensatz. „Ich glaube, da findet in den letzten Jahren ein Umdenken statt. Vor allen Dingen, weil immer mehr Kolleg*innen eine Familie gegründet haben. Klar ist es schön, dass ich nächste Woche einen neuen Job haben kann, aber Jobs zu finden, die mit der Familie vereinbar sind, ist gar nicht so einfach”, sagt Daniel Schweighöfer.
Welche Themen der Betriebsrat setzen und angehen will, legt das Gremium in den nächsten Wochen fest. Datenschutz für Beschäftigte, eine Betriebsvereinbarung über 360-Grad-Bewertungssysteme, einen Haustarifvertrag, mögliche Schwerpunkte gibt es genug. Und dann ist da noch die Entlassungswelle vom November 2019, die viele Beschäftigte als ebenso intransparent wie traumatisch empfunden haben.

Die Angst vor weiteren willkürlichen Entlassungen wirkt bis heute nach. Doch so einfach geht das in Zukunft dank Betriebsrat nicht mehr.

 


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