So geht Zukunft

BMW setzt auf eine exzellente Ausbildung

  • 20.12.2021
  • Michael Netzhammer
  • Aktuelles, Betriebsräte/Vertrauensleute

Mehr Auszubildende und eine Digitalisierungsstrategie in der Ausbildung. Wer bei BMW eine Ausbildung durchläuft, lernt modernste Technologien und kann in den Fachbereichen Impulse setzen. Dafür hat die Geschäftsführung zusammen mit dem Betriebsrat und der IG Metall Berlin die Weichen gestellt. Wir haben vorbeigeschaut.

Die Auszubildende Pia Mehls tastet sich langsam an die neue Technologie heran. (c) alle Fotos Michael Netzhammer

Ausbildungsraum mit versenkbaren Monitoren.

Der Betriebsratsvorsitzende Markus Kapitzke schaut mit Ausbildungsleiter Harald Tragmann in der Smart Factory vorbei.

Max Schubert erklärt dem Ausbildungsleiter sein Vorgehen für seine Abschlussprüfung.

In seiner Abschlussarbeit entwirft er eine automatische Ladestation für den "Robotino", den mobilen Roboter in der Smart Factory.

Jeff Schwager (20) links und Joshua Bezec (18) lernen in ihrem zweiten Lehrjahr zum Mechatroniker, wie sie Industrieroboter programmieren.

Das Ausbildungszentrum des Berliner BMW Group Werks liegt gleich hinter der Eingangskontrolle am Tor 1. Es geht die Treppe rauf und einen langen Gang entlang, vorbei an einem Schulungsraum, in dem Auszubildende an in den Tisch versenkten Bildschirmen sitzen. Ein paar Räume weiter haben sie eine Smart Factory eingerichtet, die zusammen mit der Kreativwerkstatt das Herzstück der digitalen Ausbildung im Motorradwerk bildet. Hier lernen die Auszubildenden Zukunft.

Anders als es der Name Smart Factory suggeriert, wirkt der Raum nüchtern und auf den ersten Blick wenig spektakulär. Doch die acht Stationen bilden eine gesamte Fertigungslinie in einer digital vernetzten Fabrik ab. „Die Auszubildenden lernen hier, wie man heute Fabriken intelligent vernetzen kann, wie automatisierte Fahrsysteme funktionieren und wie eine vorausschauende Instandhaltung funktioniert“, sagt Ausbildungsleiter Harald Tragmann.

BMW-Betriebsrat, Geschäftsführung und IG Metall stellen Weichen für die Zukunft

An diesem Tag zeigt er dem Betriebsratsvorsitzenden Markus Kapitzke, was Auszubildende alles lernen können und warum der mobile Roboter erst noch Input benötigt, bevor er selbstständig den Raum durchpflügen kann. Den Ausbildungsleiter und den Betriebsratsvorsitzender verbindet, dass sie bei BMW gelernt haben. Und sie verfolgen das gleiche Ziel: „Wir wollen den Auszubildenden eine exzellente Ausbildung gewährleisten und sicherstellen, dass sie danach auch einen unbefristeten Arbeitsvertrag bei BMW erhalten“, sagt Markus Kapitzke.

Dafür haben BMW-Betriebsrat, IG Metall und die Geschäftsführung die Weichen gestellt und machen vor, wie sie gemeinsam Transformation gestalten. „Wir haben in Berlin heute schon viele neue Modelle dafür, wie das Industrieland Deutschland morgen funktionieren kann. BMW ist hier ein Leuchtturm in der Stadt“, sagt Jan Otto, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Berlin.

Exzellente Ausbildung, mehr Auszubildende

Seit 2019 hat BMW in der Ausbildung eine Digitalisierungsstrategie auf den Weg gebracht. Dazu gehört, dass alle Auszubildenden ein eigenes Notebook erhalten. „Das ist uns in der Corona-Pandemie zugute gekommen, denn wir konnten von einem Tag auf den anderen den Unterricht ins Homeoffice verlagern und haben die Auszubildenden miteinander vernetzt“, sagt Harald Tragmann.

Darüber hinaus hat BMW die Auszubildendenzahlen erhöht, 2021 von 25 auf 30 im ersten Ausbildungsjahr. 2022 sollen dann 35 Auszubildende bei BMW beginnen können. Aktuell lernen 87 Auszubildende in Spandau, nächstes Jahr werden es 104 sein. Dass es besser ist, seine Leute selbst auszubilden, liegt für Harald Tragmann auf der Hand: „Die Fachbereiche sagen uns, welche neue Fähigkeiten sie benötigen. Und wir bereiten die Auszubildenden dann für ihr künftiges Arbeitsumfeld vor. Davon profitieren die jungen Menschen und BMW.“

Im Kreativraum zeigt sich die Moderne

Wie sehr sich die Ausbildung täglich verändert, zeigt sich im Kreativraum. Da spaziert Pia Mehls, Auszubildende im zweiten Lehrjahr, mit einer VR-Brille durch eine virtuelle Fabrikhalle. Sie tastet sich vorsichtig heran und es ist ihr anzumerken, dass sie – auch nicht virtuell – auf der Treppe stürzen will. Was so eine virtuelle Brille und Augmented Reality bringen?

„Wir können hier lernen, wie wir Schrauben am Band einsetzen oder wie wir sauber lackieren“, sagt die 22-Jährige. Auch virtuelles Schweißen können Auszubildende damit üben, ohne Ausschuss zu produzieren oder sich zu verletzen. Die Kreativwerkstatt vermittelt Wissen zu virtueller Realität, Augmented Reality sowie zu additiver Fertigung.

In letzterer wollen die Ausbilder Alternativen zu mechanischen Verfahren vermitteln, die künftig, wie zum Beispiel der 3D-Druck, eine größere Rolle spielen werden. Virtuelle Realität vereinfacht das Vermitteln von Arbeitsabläufen. Augmented Reality wird genutzt, um das Lernen am Objekt zu erleichtern, zum Beispiel mit Hilfe einer Hololens, eine am Kopf getragene Anzeigeneinheit. „Diese registriert, wohin die Nutzer auf einem abgebildeten Motorrad blicken und bietet in aufpoppenden Fenstern die nötigen Informationen an“, erklärt Konstantin Strube.

Virtuelle Realität - die Potenziale neuer Technologien in der Ausbildung sind riesig

Der 22-Jährige hat seine Ausbildung 2020 abgeschlossen. Inzwischen unterstützt er die Ausbildung bei digitalen Themen. „Ich finde es sehr beeindruckend, wie viele Potenziale die neuen Technologien haben, um die Ausbildung zu verbessern“, sagt er. Inzwischen absolviert er parallel zu seiner Arbeit eine Fortbildung zum Techniker in der Fachrichtung Elektrotechnik mit dem Schwerpunkt Automatisierungstechnik. Andere ehemalige Azubis profitieren vom neu aufgelegten Studienprogramm, das Geschäftsführung und Betriebsrat auf den Weg gebracht haben. „Mit dem Programm ermöglichen wir jungen Beschäftigten, dass sie an der Beuth-Hochschule für Technik Berlin studieren können“, sagt Markus Kapitzke.

Seit seiner Ausbildung vor knapp zwanzig Jahren hat sich einiges geändert. „Als ich 2002 meine Ausbildung zum Industrietechniker angefangen habe, führten wir unser Berichtsheft handschriftlich, heute machen es die Auszubildenden digital, erinnert sich der 36-Jährige.

„Die jungen Leute werden uns aus der Hand gerissen“

Auch Ausbildungsleiter Harald Tragmann registriert viele Veränderungen: „Früher war es immer so, dass die fertigen Auszubildenden in die Produktion kamen und wir haben ihnen gezeigt, wie man arbeitet“, sagt er mit einem Lächeln. „Heute haben sie Dinge drauf, die die Facharbeiter noch nicht können.“

Mit ihrer digitalen Expertise, die sie im Ausbildungszentrum erhalten, können sie eigene Impulse setzen, weil sie mit den neuesten Technologien gelernt haben. Das Ergebnis spreche für sich, sagt Sebastian Happ, Leiter des Personalmanagements: „Die Fachbereiche reißen uns die Auszubildenden aus den Händen, weil sie wissen, was für tolle junge Leute sie aus der Ausbildung bekommen.“

Deshalb bildet BMW mehr Auszubildende aus und steckt kräftig Geld in die eigene Ausbildung. Doch Ausbildung allein wird in der Transformation nicht reichen. „Wir müssen und wollen gleichzeitig die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter qualifizieren und entwickeln dafür verschiedene Lernpfade und Trainings“, sagt Personalleiter Davide Vitolo. Sein Ziel: BMW will bei den Motorrädern weiter die Nummer 1 und in Berlin ein attraktiver Arbeitgeber bleiben.

Heute die Technologien der Zukunft lernen

Dafür muss sich das BMW-Werk und seine Beschäftigten ständig wandeln. Noch rollen vorwiegend Motorräder mit einem Verbrennermotor vom Band. Seit dem 8. November 2021 produzieren sie in Berlin aber auch den neuen Elektroroller BMW CE 04. Dass diesen Beschäftigte in Berlin fertigen, ist für Jan Otto richtungsweisend: „Damit haben Betriebsrat, IG Metall und Geschäftsführung eine zukunftsorientierte Ausrichtung für das Werk geschaffen.“

Davide Vitolo schätzt die kooperative Zusammenarbeit mit Betriebsrat und IG Metall, auch wenn es manchmal knirscht und Lösungen etwas länger dauern: „Wir haben immer einen Kompromiss gefunden und waren immer rechtzeitig unterwegs, um uns weiterhin zukunftsorientiert aufzustellen.“ In der Transformation gibt es immer wieder neue Themen, über die beide Seiten Gespräche führen und Lösungen finden müssen. „Wichtig ist uns, dass wir die Beschäftigten mitnehmen und unser Handeln transparent kommunizieren“, fügt der Personalleiter hinzu.

Das funktioniert bei BMW. Und davon profitieren auch die jungen Menschen. Denn je mehr Wertschöpfung im eigenen Werk verbleibt, desto mehr Arbeit gibt es auch in Zukunft. Darauf hofft auch Max Schubert. Der 19-Jährige ist im vierten Ausbildungsjahr. Für seine Abschlussprüfung entwirft er eine automatische Ladestation für den „Robotino“, den mobilen Roboter in der Smart Factory. Damit der aber die Ladestation ansteuern kann, muss Max Schubert erst einmal den Raum vermessen. Bei BMW lernt er das.