Interview zum politischen 2017

„Da werden wir Kante zeigen“

  • 29.12.2016
  • mn
  • Aktuelles

Klaus Abel und Regina Katerndahl, der Erste und die Zweite Bevollmächtigte der IG Metall Berlin, blicken auf 2017 und die Herausforderungen, die das Jahr mit sich bringen wird.

2016 liegt hinter uns. Aus politischer Sicht gab es einige dunklen Momente, auch aus Sicht der Beschäftigten gab es Licht und Schatten. Welche Pillen gab es zu schlucken?

Regina: Für uns beide war ein bitterer Moment, als die Geschäftsführung von Nokia Mitte November völlig überraschend die Verhandlungen über den bundesweiten Sozial- und Zukunfts-Tarifvertrag abgebrochen hat. Sie will 1.400 Arbeitsplätze in Deutschland abbauen.

Klaus: Die Verantwortungslosigkeit des Nokia-Vorstandes ist ungeheuerlich. Gerade unsere Berliner Beschäftigten stehen vor einer unsicheren Zukunft, genauso die Kolleginnen und Kollegen im MAN-Werk in Reinickendorf, wo der MAN-Vorstand genauso unverantwortlich 317 Arbeitsplätze rasieren will. Ich bin zugleich optimistisch, dass wir diese Planung verändern können.

Regina: Bei all den schlechten Nokia-Nachrichten hat mich jedoch gefreut, dass sich die Berliner Politik und auch das Bundeswirtschaftsministerium für die Nokia-Beschäftigten eingesetzt haben.

Welche positiven Ereignisse hat das vergangene Jahr gebracht?

Klaus: Wir haben in Berlin über 2.100 Mitglieder neu gewinnen können, in den Betrieben ist die Zahl der IG Metall-Mitglieder also gewachsen. Gerade junge Menschen kommen zu uns, aber auch viele Angestellte.

Regina: Ich freue mich vor allem für die Berliner Auszubildenden, deren Vergütung nun nach vielen Jahren prozentual an das Facharbeiterentgelt angebunden werden konnte. Endlich haben wir die gleichen Bedingungen für alle Auszubildenden im Tarifgebiet. Dafür hatten die Jugendlichen mit vielen kreativen Aktionen gekämpft und nun ihr Ziel erreicht.

In Berlin regiert künftig eine rot-rot-grüne Landesregierung. Welche Erwartungen verknüpft Ihr damit?

Klaus: Ich verspreche mir von der neuen Landesregierung, dass sich die Lebensbedingungen für die Menschen verbessern. Dafür ist aber eine Industriepolitik notwendig, die nicht nur die digitalen Chancen nutzen will, sondern auch die vorhandene Industrie stärkt. Noch studieren hier in Berlin viele jungen Leute, die anschließend nach Süddeutschland abwandern. Ich wünsche mir, dass sie künftig mehr Arbeitsplätze in Berlin finden.

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller hat im letzten Jahr verkündet, dass 50 neue IT-Professuren in Berlin gegründet werden sollen, um Berlin als IT-Standort weiter zu stärken.

Klaus: Das unterstützen wir. Es muss jedoch immer damit einhergehen, dass darüber auch gut bezahlte Industriearbeitsplätze entstehen. Ich freue mich, dass die nächste Engineering-Tagung der IG Metall nach München und Stuttgart 2017 in Berlin-Adlershof stattfinden wird.

In den nächsten Jahren will die IG Metall die Arbeitszeit zum Thema machen. Was ist der Hintergrund?

Regina: Die Art und Weise wie, wo und wie lange wir arbeiten, bestimmt in hohem Maße über die Lebensqualität. Die meisten Beschäftigten wünschen sich flexible Arbeitszeiten, jedoch im Rahmen eines sicheren Arbeitsplatzes. Die Arbeitgeber fordern ebenfalls flexible Arbeitszeiten, wollen damit aber auch die Arbeitszeitgesetze und den Achtstundentag aufweichen. Das genau wollen die Beschäftigten nicht.

In der von Mitte Januar bis Ende Februar stattfindenden Beschäftigtenbefragung will die IG Metall die Meinung der Beschäftigten genau erfassen. Mit welchem Ziel?

Regina: Damit wollen wir die Beschäftigten in die Diskussion um die Arbeitszeit einbinden und ihre Sorgen, Wünsche und Ideen aufgreifen. Unter dem Oberbegriff Arbeitszeit finden sich ja die unterschiedlichsten Themen. In Berlin existieren nach wie vor zwei Tarifverträge in unserer Industrie. Im Osten müssen die Beschäftigten 38 Stunden arbeiten, im Westen drei Stunden weniger. Diese Ungerechtigkeit birgt sozialen Sprengstoff, gerade wenn sie zum Beispiel bei Thales oder Siemens Mobility in ein und demselben Betrieb aufeinanderprallen.

Klaus: Die Angleichung der Arbeitszeit ist ein sehr wichtiger Aspekt, weitere sind bedeutsam. Wichtig ist neben anderen Themen der Grundsatz: Jede geleistete Arbeitsstunde muss erfasst und bezahlt werden. Flexibilität muss einhergehen mit Arbeitsplatzsicherheit für die Beschäftigten. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf muss durch Flexibilität im Sinne der Beschäftigten verwirklicht werden. Gerade im Wahljahr wollen wir diese für die Beschäftigten wichtige Arbeitszeitfrage thematisieren.

Stichwort Bundestagswahl: Was erwartet Ihr?

Klaus: Es wird eine wichtige Richtungswahl werden und wir wollen hier Einfluss nehmen für faire und gerechte Arbeitsbedingungen, aber auch für Vielfalt, ein solidarisches und auf sozialen Werten fussendes Miteinander. All diese Werte treten rechte Populisten mit Füßen. Aktuell schüren sie Hass gegen Flüchtlinge. Und sie betreiben eine Politik, die sich gegen Frauen, Beschäftigte und Minderheiten richtet. Da werden wir nach innen und außen Kante zeigen.

Regina: Wir fordern die demokratischen Parteien auf, klare Positionen und Konzepte zum Beispiel für eine gute Bildung und eine gerechte Krankenversicherung zu formulieren. Ich bin davon überzeugt, dass Menschen, die zu Recht darauf vertrauen, dass sie dauerhaft arbeiten können und ein gutes Einkommen haben, weniger anfällig für rechte Populisten sind.

Nach der Richtungswahl steht die nächste Tarifauseinandersetzung an. Wie bereitet Ihr Euch darauf vor?

Regina: Mit der Befragung werden die Erwartungen der Beschäftigten sichtbar. Diese werden wir diskutieren und uns auf dieser Basis positionieren.

Klaus: Die Debatte um die Arbeitszeit ist enorm wichtig, auch unsere politischen Positionen. Dafür ist entscheidend, dass wir noch stärker werden, mehr Mitglieder gewinnen, zum Beispiel auch unter IT-Fachleuten oder Ingenieurinnen. Diese Berufsgruppen sind in der Regel gewerkschaftsferner, in Arbeitskämpfen merken sie jedoch, dass auch gut ausgebildete Beschäftigte mehr erreichen, wenn sie sich organisieren. Insbesondere wenn der digitale Wandel alle Arbeitsfelder erfassen und verändern wird. Je mehr Beschäftigte sich in der IG Metall organisieren, desto stärker können wir auch Einfluss nehmen, auf Löhne und Arbeitszeiten, auf Fortbildungen, auf Weiterbildungsprogramme und Umschulungen, wo dies notwendig ist.


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