Fünf Minuten zur Berliner Industrie

Hitachi Rail – früher Thales: Software für Bahnsicherungstechnik - Interview mit Petra Taubner, Betriebsratsvorsitzende bei Hitachi Rail

25.02.2025 | In Berlin-Mitte entwickeln 280 Beschäftigte von Hitachi Rail Software für Bahnsicherungstechnik. Bis 2024 gehörten sie zu Thales. Wie sie den Übergang meistern, warum die 35-Stundenwoche noch eine Rolle spielt… darüber berichtet Petra Taubner, Betriebsratsvorsitzende bei Hitachi Rail.

Petra Taubner, Betriebsratsvorsitzende bei Hitachi Rail im November 2024 - Foto: IG Metall

Petra, Du bist Softwareingenieurin und schon lange aktiv im Betriebsrat. Kannst Du uns erklären, was Hitachi Rail macht?

In Berlin sind wir ein reiner Ingenieursstandort, wir entwickeln mit einem Team von rund 280 Beschäftigten Software für die Bahnsicherungstechnik. Bundesweit sind wir 2.100 Beschäftigte, mit unserem Hauptstandort in Ditzingen bei Stuttgart und einem Produktionsstandort in Arnstadt in Thüringen.

Wie kommt es, dass ihr heute Hitachi Rail heißt und nicht mehr Thales?

Thales hat sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren wollen. Und es wurde gesehen, dass sich unser Bahnsektor breiter aufstellen sollte. Wir hatten bisher keine Schienenfahrzeuge im Portfolio. Als Systemanbieter haben wir jetzt bei der Hitachi Rail bessere Zukunftsaussichten. Hitachi Rail hatte vor zehn Jahren die Ansaldo aufgekauft und bietet neben integrierten Personenzügen auch Bahnsicherungstechnik an. Damit sind wir jetzt ein Systemanbieter mit wenigen Überschneidungen in den Produkten.

Wie ist die Lage bei Euch im Unternehmen? 

Die drei Jahre Übergangszeit, in der wir verkauft wurden, waren eine harte Strecke für uns alle. Wir wussten nicht, wo es hingeht und was kommt. Seit Sommer 2024 sind wir bei Hitachi angekommen und befinden uns jetzt in der Integrationsphase. Thales ist ein französisches Unternehmen. Jetzt erleben wir einen Kulturwandel in einem japanischen Unternehmen. Es ist spannend und sehr erfrischend, wie anders eine japanische Firmenkultur ist.

Unsere Auftragslage ist gut, aber die Krisen- und Lieferkettenproblematik spüren auch wir deutlich. Die Kostensituation ist herausfordernd und wir versuchen, diese gerade in den Griff zu bekommen und die Prozesse entsprechend anzupassen. Unsere Auftragsbücher sind voll, da die Bahnbranche boomt.

Habt Ihr Eure Arbeitsbedingungen behalten?

An den Arbeitsbedingungen, die wir tariflich abgesichert haben, hat sich nichts geändert. Wir sind ausgegliedert worden und haben unsere Tarifbindung an allen drei Standorten mitgenommen. Alle Arbeitsplätze sind geblieben.

Hitachi Rail bildet aus - Eine Auszubildende in Arnstadt hat 2024 als Industrieelektrikerin als bundesweit beste Absolventin den Bildungsfuchs überreicht bekommen.

Also wir haben Ausbildung am Hauptstandort in Ditzingen, in Arnstadt und jetzt in diesem Jahr bekommen wir zwei Ausbildungsplätze für Fachinformatiker auch hier in Berlin. Dualstudierende gibt es an allen drei Standorten in verschiedenen Fachrichtungen. In Berlin sind es drei Dual Studierende pro Jahrgang im Studiengang Technische Informatik, also insgesamt neun. Wir hoffen, dass dies auch künftig so bleibt.

Wir arbeiten unter hoher Last und suchen nach Wegen, um Arbeitsverdichtung und Stress abzuschwächen. Unsere Firma sucht Fachkräfte, , aber Beschäftigte mit der richtigen Qualifikation sind nur schwer zu finden. Wir brauchen Software-Ingenieure mit Kenntnissen in der Bahnsicherungstechnik und mit Berufserfahrung. Daher ist es sehr gut, dass wir jetzt auch in Berlin in Ausbildung investieren und unseren eigenen Nachwuchs ausbilden.

Wie ist die Stimmung in Eurem Unternehmen?

Insgesamt sehr gut. Wir haben viel zu tun und natürlich belastet das auch. Darüber habe ich ja schon berichtet. Aber daran arbeiten wir, damit die Arbeit gut zum Leben passt und wir gesund bis zur Rente arbeiten können.

Was erwartet Ihr in den nächsten Monaten und Jahren? Ausblick?

Wir hoffen, dass wir durch die Integration bei Hitachi nicht nur neue Produkte kennenlernen, sondern auch neue Arbeitsweisen. Wir erleben, dass die Kolleginnen und Kollegen in der bisherigen Hitachi Rail teilweise ganz anders an Themen herangehen. Da können wir sicherlich einiges voneinander lernen.

Ende des Jahres werden wir innerhalb des Gebäudes in andere Räumlichkeiten umziehen. Unser Arbeitgeber plant, dort ein Shared-Desk-Konzept einzuführen, um die Mietfläche effizienter zu nutzen. Darüber werden wir eine Betriebsvereinbarung mit dem Arbeitgeber abschließen.

Wir haben eine Betriebsvereinbarung zum Mobilen Arbeiten. Es ist gewünscht, dass wir überwiegend am Standort arbeiten. Uns ist es wichtig, , dass die Zusammenarbeit  in den Teams gut funktioniert. An manchen Tagen sind die Räume nicht gut ausgelastet, aber solange die Arbeit gut funktioniert, können Kolleginnen und Kollegen auch remote arbeiten.

Wobei unterstützt Euch die IG Metall Berlin?

Bis 2013 war unser Standort in Tempelhof. Wir gehörten zum Tarifgebiet I und hatten alle eine 35-Stundenwoche. Nach dem Umzug wurde unser Standort nach Berlin-Mitte verlegt, direkt neben den Mauerstreifen, und damit ins Tarifgebiet II. Damals hat die IG Metall uns sehr erfolgreich unterstützt, einen Ergänzungstarifvertrag mit dem Arbeitgeber zu verhandeln. Und alle Beschäftigten, die vor 2014 schon im Unternehmen waren, haben ihre 35-Stundenwoche an den neuen Standort mitnehmen können. Dafür war es nötig, sich zusammenzuschließen und unseren Organisationsgrad deutlich zu erhöhen. Das ist uns gut gelungen.

Alle Beschäftigten, die seit 2014 bei uns eingestellt werden, arbeiten 38 Stunden pro Woche. Daher planen wir gemeinsam mit der IG Metall und den Beschäftigten, uns für die Angleichung der Arbeitszeit auf 35 Stunden einzusetzen. Das geht aber nur gemeinsam mit vielen Beschäftigten. Wir werden die Kolleginnen und Kollegen aufrütteln, denn sie müssen mitmachen, sonst werden wir hier nicht erfolgreich sein. Dafür haben wir am 29. Januar beispielsweise zum Equal Pay Day gratuliert und sie eingeladen, für diese Arbeitszeitangleichung zu kämpfen. 35 Jahre nach dem Mauerfall ist die Ungleichbehandlung einfach nicht mehr zeitgemäß. Gemeinsam können wir uns die 35-Stundenwoche holen.

Hast Du Forderungen an die Politik in Berlin und im Bund?

Die Situation am Wohnungsmarkt ist selbst für Besserverdienende ein Thema in Berlin. Bei uns arbeiten hauptsächlich Ingenieure und auch sie haben es sehr schwer, eine Wohnung zu finden, wenn sie für ihren neuen Job nach Berlin umziehen.

Von der neuen Regierung wünsche ich mir, dass sie die Sanierung und die flächendeckende, sukzessive Digitalisierung der Bahn weiter vorantreibt. Es wäre fatal, damit aufzuhören.

Und wir brauchen eine Reduzierung der Bürokratie. Das erleben wir immer wieder bei der Freigabe unserer Bahnprodukte oder bei der Einstellung ausländischer Fachkräfte (Arbeitsgenehmigung, Aufenthaltsgenehmigung, …).

Generell wünsche ich der Regierung realistischere Pläne für ihre eigenen Veränderungsvorhaben.

Hitachi Rail:

In Berlin entwickelt ein Team von rund 280 Ingenieuren/-innen Software in Mitte für Bahnsicherungstechnik. Bundesweit sind es 2.100 Beschäftigte, am Hauptstandort in Ditzingen und am Produktionsstandort im thüringischen Arnstadt.

Das Interview führte Andrea Weingart.

Von: Andrea Weingart

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