19.11.2025 | Mehr als 160 aktive Metallerinnen und Metaller treffen sich ab heute drei Tage lang, vom 19. bis 21. November 2025. Am ersten Tag dreht sich alles um die Industriepolitik. Gemeinsam mit Jürgen Kerner, Zweiter Vorsitzender der IG Metall, Jan Otto, Bezirksleiter der IG Metall Berlin-Brandenburg-Sachsen, dem Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und Wolfgang Schroeder, Professor für Politikwissenschaft der Universität Kassel, diskutieren sie am Nachmittag über Industriepolitik.
Auf der Aktivenkonferenz werden die Aktiven gemeinsam mit der IG Metall Berlin an den beiden folgenden Tagen die Betriebsratswahlen 2026 vorbereiten und die Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Betrieben vernetzen.
„Wir wollen einen vertieften Blick auf die Berliner Industrie und natürlich auch auf das Handwerk werfen und gemeinsam mit den Aktiven Strategien erarbeiten, um weiter aktiv Einfluss auf die Industriepolitik zu nehmen“, so Philipp Singer, Erster Bevollmächtigter IG Metall Berlin (komm.). „Wir bleiben dabei: Wir machen unsere Zukunft selber!“
Jürgen Kerner, Zweiter Vorsitzender IG Metall: „Deutschland steht am industriepolitischen Scheideweg. Ohne entschlossenes Handeln droht Deindustrialisierung und der Verlust tausender Arbeitsplätze. Wir fordern: Der Industriestrompreis muss jetzt schnell kommen – unbürokratisch und als deutlich spürbare Entlastung. Das Sondervermögen Infrastruktur gehört in gezielte Investitionen für den Standort, auch in Berlin und der Region. Und: Wer staatliche Förderung erhält, muss Arbeitsplätze sichern, Standorte erhalten und vor Ort investieren. Vor allem braucht es jetzt eine Stärkung der lokalen Wertschöpfung in Deutschland und Europa. Alles andere gefährdet die Zukunft unserer Industrie.“
Jan Otto, IG Metall-Bezirksleiter Berlin-Brandenburg-Sachsen: „Die aktuelle Wirtschaftskrise trifft auch die Industrie-Beschäftigten in Berlin hart. Aber gerade in diesen Zeiten ist mir wichtig, eines zu betonen: Die Industrieregion Berlin-Brandenburg hat alle Chancen, in zehn Jahren besser dazu stehen als viele sich das heute vorstellen. Wir haben hier ein riesiges Potenzial für Neuansiedlungen, das die Metropolregion noch besser nutzen muss. Dafür brauchen wir nicht nur eine aktive Industriepolitik und mehr öffentliche Investitionen zur Stärkung der Infrastruktur. Nötig sind auch Unternehmen, die sich zum Standort Ostdeutschland bekennen und hier investieren, statt stumpf Werke zu schließen und Arbeitsplätze zu verlagern. Wer die Chancen jetzt ergreift und auch antizyklisch investiert, wird morgen der Gewinner sein. Nicht weniger als das wollen wir für unsere Beschäftigten – Sicherheit und Verlässlichkeit. Dafür kämpfen wir gemeinsam.“
In Berlin machen die Arbeitgeber und Kammern gerade Stimmung gegen die Ausbildungsplatzumlage. Daher werden sich am Mittwoch die Metallerinnen und Metaller noch einmal für die Ausbildungsplatzumlage stark machen. Die Quote der angebotenen Ausbildungsplätze liegt in Berlin deutlich niedriger als im Rest der Bundesrepublik.
Bei der geforderten Ausbildungsplatzumlage sollen Unternehmen einen gewissen Prozentsatz ihrer Bruttolohnsumme in einen Fonds einzahlen. Betriebe, die Ausbildungsplätze anbieten, können dann aus diesem Fonds Geld für die Ausbildungskosten bekommen. Ziel ist es, mit der Regelung Unternehmen dazu zu bewegen, mehr Ausbildungsplätze zu schaffen und vor allem die Qualität der Ausbildung zu steigern.
„Alle haben verstanden, dass wir einen immensen Fachkräftemangel haben. Es kann nicht sein, dass die ausbildenden Unternehmen nicht unterstützt werden. Wir erleben in Berlin, dass oft im Handwerk ausgebildet wird, dort die Kosten getragen werden – und dann die ausgebildeten Fachkräfte in die besser zahlende Industrie wechseln. Ich fordere den Arbeitgeberverband auf, soziale Verantwortung zu übernehmen“, sagte dazu Philipp Singer, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Berlin (komm.)
Für Rückfragen: Andrea Weingart, 0177 59 63 859
Hintergrund:
Was ist die Ausbildungsplatzumlage?
Kern des Konzepts ist ein gemeinsamer Fonds, in den alle größeren Betriebe einzahlen. Ausgenommen sind sehr kleine Unternehmen und Branchen mit eigenen Umlageregelungen. Betriebe, die ausbilden, erhalten einen finanziellen Ausgleich aus dem Fonds. So wird die Ausbildung gefördert – und ein fairer Ausgleich zwischen ausbildenden und nicht-ausbildenden Betrieben geschaffen. Bremen nutzt dieses Modell bereits erfolgreich. Berlin könnte nachziehen.
Die IG Metall Berlin begrüßt den von Arbeitssenatorin Cansel Kiziltepe (SPD) vorgelegten Gesetzentwurf zur Einführung einer Ausbildungsplatzumlage. CDU und SPD haben sich in ihrem Koalitionsvertrag darauf verständigt, bis Ende 2025 in Berlin 2.000 zusätzliche betriebliche Ausbildungsplätze zu schaffen. Insgesamt sollen dann 34.535 junge Menschen in Berlin eine betriebliche Ausbildung absolvieren können.
Wird dieses Ziel nicht erreicht, sieht der Koalitionsvertrag die Einführung einer Ausbildungsplatzumlage vor. Mit dem Gesetzgebungsverfahren schafft der Senat die Grundlage, um im Bedarfsfall zügig handeln zu können. Der Senat könnte den Gesetzentwurf bis Ende 2025 oder Anfang 2026 beschließen. Sollte das Ausbildungsziel bis dahin nicht erreicht sein, wäre das Parlament gefragt, das Gesetz noch vor der Sommerpause in Kraft zu setzen. Ob das Ausbildungsziel erreicht wird, ist ungewiss. Der Berliner Ausbildungsmarkt steht weiter unter Druck: Im Jahr 2024 blieben mehr als 3.700 junge Menschen ohne Ausbildungsplatz.