Metallzeitung

Interview mit Arno Hager, Erster Bevollmächtigter IG Metall Berlin

  • 29.08.2014
  • aw
  • Aktuelles

Berlin - Am 16. September werden die Delegierten der IG Metall Berlin – das Parlament der Gewerkschaft in Berlin – ein neues Führungsteam wählen. Von Februar 1998 bis September 2014 hat Arno Hager die Geschäfte in Berlin geführt. Seit 9 ½ Jahren gemeinsam mit Klaus Abel.

Arno, wie bist Du zur IG Metall Berlin gekommen?

Ich war Anfang der 90er Jahre als Dozent für Industriesoziologie an der Freien Universität Berlin beschäftigt. In diesem Zusammenhang habe ich Forschungsprojekte und Bildungsveranstaltungen für die IG Metall durchgeführt. Dann fragte mich Burkhard Bundt, der mich eingeladen hatte, die Angestelltenarbeit zu begleiten, ob ich nicht hauptamtlich in der IG Metall arbeiten will. Ich habe kurz überlegt, zugesagt und bin dann mitten in das Abenteuer der Wiedervereinigung hineingesprungen. Damals musste ich aus dem Stand die praktische Gewerkschaftsarbeit lernen. Burkhard Bundt und Manfred Foede, der Erste Bevollmächtigte, haben mich dabei tatkräftig unterstützt.

Wie war es, vor 15 1/2 Jahren das Amt des Ersten Bevollmächtigten zu übernehmen? Erinnerst Du Dich an die Zeit? Welche Probleme gab es?

Als ich im Februar 1998 zum Ersten Bevollmächtigten gewählt wurde, befand sich die Berliner Metall- und Elektroindustrie noch im Strukturbruch. Der Kampf um den Erhalt von Arbeitsplätzen bestimmte unsere Arbeit. Gleich zu Beginn sollte ABB-Bergmann-Borsig und Adtranz, die frühere Waggon-Union, geschlossen werden. Mit viel Energie und einer großen Kampfbereitschaft der gut organisierten Belegschaften, konnten wir beide Werke retten. Heute sind Alstom, der Nachfolger von ABB und Stadler, der Nachfolger von Adtranz immer noch in Pankow und insbesondere Stadler hat eine wahre Erfolgsgeschichte geschrieben.

Insgesamt war unsere Arbeit davon geprägt, jede Arbeitsplatzvernichtung energisch zu bekämpfen. Nur ein Jahr später haben wir das Alcatel-Kabelwerk in Neukölln besetzt.

Auch wenn wir nicht immer erfolgreich waren, hat die IG Metall einen großen Anteil an dem Bewusstseinswandel im Management der Konzerne. Nach unseren erbitterten Kämpfen war fortan klar, dass vor einem Arbeitsplatzabbau in Berlin alle Alternativen geprüft werden müssen, wie Arbeitsplätze am Standort gehalten und weiterentwickelt werden können.

Wenn Du zurück blickst, welche markanten Punkte bleiben Dir in Erinnerung?

Mir sind viele markante Punkte in Erinnerung, doch ein Hauptereignis war sicherlich der Flexi-Streik um die neuen Entgelttarifverträge im Mai 2002. Berlin war erstmals nach dem Weltkrieg an einem Streik beteiligt und wir haben unseren Teil dazu beigetragen, dass der Streik erfolgreich beendet werden konnte.

Nur ein Jahr später mussten wir dann erleben, wie dicht Sieg und Niederlage beieinander liegen können. Obwohl nur noch wenige Betriebe nach der radikalen Arbeitsplatzvernichtung im Ostteil der Stadt übrig geblieben waren, schmerzte uns die Niederlage beim Streik um die Einführung der 35-Stunden-Woche im Osten sehr.

Wie siehst Du die IG Metall Berlin heute – Anfang September 2014? Welche Deiner Vorhaben konntest Du in der Amtszeit realisieren?

Im Rückblick sind zwei Erfolge besonders wichtig. Zum einen hat die IG Metall maßgeblich dazu beigetragen, dass in Berlin Industriepolitik zum gemeinsamen Anliegen der Wirtschaft und der Politik geworden ist. Die Berliner Industrie wächst und hat das Potenzial für eine dynamische Entwicklung in der Zukunft. Industriepolitik muss dazu beitragen, diesen Prozess zu stabilisieren und zu fördern. Berlin braucht die Industrie, denn auf dem industriellen Fundament werden die Werte geschaffen, die für eine soziale Stadtentwicklung unabdingbar sind.

Den anderen wichtigen Erfolg können unsere Mitglieder nicht direkt von außen sehen. Dennoch kann er in seiner Bedeutung kaum hoch genug eingeschätzt werden. Als ich die Führung der Verwaltungsstelle übernommen habe, war bedingt durch die äußerst schwierige Vergangenheit das hauptamtliche Team eine Gruppe von Einzelkämpferinnen und –kämpfern. Heute hat die Berliner IG Metall ein starkes Team, dass gemeinsam die IG Metall voran bringt. Nur durch diese Teamarbeit konnte es uns gelingen, den Mitgliederschwund in den Betrieben zu drehen. Heute verzeichnen wir starke, anhaltende Mitgliederzuwächse insbesondere auch bei den Jugendlichen. Und das schlägt sich auch in der finanziellen Situation nieder. Die Berliner IG Metall wird in diesem Jahr erstmals seit der Wiedervereinigung auf eigenen wirtschaftlichen Beinen stehen. Und diese positive Mitglieder- und Finanzentwicklung steht auf einem soliden Fundament und das Team wird mit der neuen Führung alles daran setzen, dass diese Entwicklung in den nächsten Jahren erfolgreich weiterentwickelt wird.

Was planst Du für Deine Zeit nach dem 16. September?

Ich bin der IG Metall und den vielen Mitgliedern dankbar, für die Arbeit, die ich leisten durfte. In diesem Sinne bin ich meiner IG Metall verbunden und werde ihr verbunden bleiben. Allerdings bin ich der Meinung, dass ehemalige Führungskräfte nicht aus dem Ruhestand von außen in das Tagesgeschäft reinreden sollten. Das werde ich auf keinen Fall tun. Deshalb werde ich meiner Berliner IG Metall sowohl sehr nahe als auch fern sein. Und wo mein Rat gesucht wird, werde ich gerne meine Erfahrungen einbringen.

Persönlich werde ich mich unter anderem im Rahmen einer Qigong-Schule engagieren, an der ich viele Jahre diese wunderbare chinesische Tradition erlernt habe und die mir sehr geholfen hat, den stressigen „Job“ eines Ersten Bevollmächtigten bei guter Gesundheit durchzustehen. Ich will dort als Qigong-Lehrer unterrichten und meinen Teil dazu beitragen, diese heilsame Übungspraxis für ein breiteres Publikum zu öffnen.


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