Interview mit dem Berliner Betriebsratsvorsitzenden Thomas Wetzel

Osram: Die Perversität des Aktienrechts

  • 20.09.2019
  • mn
  • Aktuelles, Betriebsräte/Vertrauensleute

Der kleine Halbleiterproduzent AMS will das große Unternehmen Osram schlucken. Selbst der Osram-Vorstand zweifelt an den künftigen Plänen und spricht sich dennoch für das Angebot aus. Im Interview spricht Thomas Wetzel über notwendige Investitionen, über AMS und die Perversion des Aktienrechts.

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Der österreichische Halbleiterkonzern AMS bietet 4,3 Milliarden Euro für Osram und pro Aktie 3,50 mehr als der US-amerikanische Finanzinvestor Bain Capital und Carlyle. Warum lehnen der Osram-Konzern- und Gesamtbetriebsrat sowie die IG Metall das Angebot von AMS ab?
Zuerst einmal ist Bain Capital und Carlyle für uns auch kein Heilsbringer. Allerdings hat der Finanzinvestor ein seriöseres Angebot hinterlegt, dem alle Osram-Vorstände zugestimmt haben. Die US-Amerikaner planen Osram im Ganzen zu erhalten und darüber hinaus auch in die Zukunft zu investieren.

Investitionen verspricht AMS auch. Was missfällt der Arbeitnehmerseite an dem Angebot?
Innerhalb von 18 Monaten will AMS bereits 300 Millionen Euro einsparen. Dabei kennen sie Osram und seine Komplexität überhaupt nicht. Die angekündigten jährlichen Synergien laufen auf Entlassungen hinaus. Eine Standortsicherung verliert unter diesen Vorzeichen an Wert. Außerdem interessiert sich AMS vornehmlich für unser Halbleitergeschäft OS, ein Interesse für das traditionelle Geschäft, immerhin sind wir bei Auto- und Sensorlicht die Nummer eins, habe ich nicht vernommen, genauso wenig für unser digitales Lichtgeschäft. Im Gegenteil. Von Anfang an spricht der AMS-Vorstand davon, Teile des Unternehmens verkaufen zu wollen.

Das müssen sie wohl auch, denn AMS ist hoch verschuldet und 4,3 Milliarden Euro kommen mit dem Kauf oben drauf. Wie wollen sie da Investitionen stemmen?
Das ist genau unser Punkt. Ein Investor muss genügend Kapital mitbringen, um auf breiter Front in die Zukunft investieren zu können. Bei AMS ist das Gegenteil der Fall. Der Konzern ist jetzt schon hoch verschuldet und will jetzt den Kauf von Osram ebenfalls mit Fremdkapital stemmen. Da sehen wir sehr hohe Risiken für Osram und die Beschäftigten.

Was hat der Investor mit den Patenten von Osram vor?
Mit dem Kauf würde AMS rund 17.000 Patente von Osram übernehmen. Diese wollen sie nach Singapur verlegen. Im Grunde müsste es hier einen großen Aufschrei geben, denn es sind in Deutschland entstandene Ideen. Lagern sie erst einmal im Ausland, gibt es aus Deutschland keinen Zugriff mehr darauf. Bain Capital und Carlyle hingegen haben zugesichert, dass die Patente in Deutschland verbleiben.

Deshalb präferiert die Arbeitnehmerseite das Angebot von Bain Capital und Carlyle. Auch der Osram-Vorstand hat seine Zweifel am AMS-Angebot ungewöhnlich deutlich geäußert. Trotzdem soll nun AMS den Zuschlag bekommen. Verrückt, oder?
Das ist der Perversion des Aktienrechts geschuldet. Danach müssen Vorstände prioritär im Sinne der Aktionäre handeln. Dann geben 3,50 Euro mehr pro Aktie den Ausschlag, selbst wenn klar ist, dass ein Traditionsunternehmen danach zerschlagen wird, Know-how und Arbeitsplätze verlorengehen. Die Zeche zahlen dann die Beschäftigten, das ist schwer erträglich.

Jeder Investor verfolgt seine eigene Agenda, braucht Osram diese überhaupt?
Das Lichtgeschäft unterliegt einem fundamentalen Wandel. Der digitale Lichtmarkt ist deutlich innovationsgetriebener und schnelllebiger als noch das traditionelle Lichtgeschäft. Da muss man schnell sein, darf den Anschluss nicht verlieren und muss permanent in neue Produkte investieren. Aktuell schwächelt der Absatz für die Autoindustrie, sprich Osram generiert eigenständig nicht so viel Geld, um noch sehr viel mehr in die Zukunft  investieren zu können als es das Unternehmen heute tut. Hier könnte ein Investor helfen – wenn er ein kluges Konzept mitbringt. Die Strategie von AMS jedoch läuft darauf hinaus, dass Osram zerschlagen wird. Das lehnen wir ab.

Wie reagiert Ihr auf diese Entwicklung?
Zuerst einmal informieren wir die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über die aktuelle Situation, legen dar, wie wir die unterschiedlichen Angebote einschätzen und welche Optionen wir haben. Wir sind immer gut gefahren, wenn wir bei Veränderungen erst einmal Ruhe bewahrt haben. Gleichzeitig ist es wichtig, dass alle Beschäftigten solidarisch zusammenstehen. Denn wir werden dem möglichen Investor AMS klarmachen müssen, dass er hier nicht einfach reinspazieren, Bereiche und Beschäftigte nach Gutdünken entsorgen kann. Ein Personalabbau jedenfalls ist mit uns nicht so einfach zu machen. Da werden wir ihm ganz klar die Zähne zeigen.

 


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