Wenn es gut läuft:

Schindler setzt auf Berlin als Sprungbrett in die digitale Zukunft

  • 21.08.2019
  • Jörn Breiholz
  • Aktuelles, Betriebsräte/Vertrauensleute

Mehr als 40 Millionen Euro investiert der Aufzugsproduzent Schindler in seinen Berliner Innovationscampus, um neue digitale Produkte zu entwickeln. Betriebsrat und IG Metall entwickeln Lösungen, damit die Beschäftigten in dem tarifgebundenen Unternehmen mit den steigenden Anforderungen gut klar kommen – und alle in den Genuss der von der IG Metall durchgesetzten Zusatzleistungen kommen.

Bunt und spannend: So sehen Aufzüge heute aus

Die beiden vorderen Türme sind Schindler in Berlin

Das Betriebsräte-Team der Schindler GmbH

Schindler-Monteure kommen viel rum

Bettina Consenius leitet den Betriebsrat für die Angestellten...

... und den für die Monteure Erhard Wandrei (auf dem Weg zum Yoga)

Überall auf der Welt wachsen die Metropolen, schießen Geschäfts-, Wohn- und Bürohäuser in die Luft. Für Baufirmen und Aufzugsproduzenten wie Schindler sind das goldene Zeiten. „Schindler geht es seit Jahren sehr gut“, sagen Bettina Contenius und Erhard Wandrei unisono.

Beide sind schon seit den Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts bei dem Schweizer Aufzughersteller in Berlin beschäftigt, beide sind Betriebsratsvorsitzende – Bettina Contenius für die Angestellten und Erhard Wandrei für die Monteure, die in Berlin  Aufzüge montieren und warten. „Wir produzieren seit Ende der Neunziger in Berlin nicht mehr selber. Aber es entstehen zahlreiche zusätzliche Jobs in neuen Bereichen“, erzählt Erhard Wandrei.

Mitte der 90er wandelte sich der Berliner Schindler-Standort, der schon seit 1906 in Berlin existiert, vom Produktionsstandort zum Dienstleistungsstandort. Heute sind das Know-how der Beschäftigten und Berlin als Standort die Ursache dafür, dass der Schweizer Mutterkonzern mit seinen weltweit über 60.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mehr als 40 Millionen Euro in den Schindler Innovationscampus in Berlin und die inzwischen wieder rund 900 Berliner Beschäftigten investiert.

Als wichtigster deutscher Standort für Startups mit digitalen Innovationen findet Schindler hier in Berlin die Firmen, Fachleute und Ideen, die es braucht, um Neugeschäft für die Zukunft zu entwickeln. „Mit der Digitalisierung entstehen viele neue Geschäftsfelder“, sagt Bettina Contenius. „Bei Aufzügen, die rund um die Uhr Daten senden, können wir zum Beispiel schon vorausschauend Fehler beheben und den Fahrgästen Informationen oder Werbung auf die Aufzugtüren projizieren."

Das sind nur zwei Beispiele, die deutlich machen, dass Schindler neben Technikerinnen und Technikern heute auch Beschäftigte braucht, die Programmierung, Design, Datenmanagement und andere Dienstleistungen können. „Viele Berufsanfänger wissen nicht, wie vielseitig das Aufzugsgeschäft ist“, sagt Erhard Wandrei. „Auch deswegen ist Berlin ein guter Standort für den Innovationscampus. Denn viele junge Leute kommen nach Berlin, um in diesen Bereichen ihre berufliche Zukunft zu suchen.“

Für den Betriebsrat geht es nun darum, die Arbeitsplätze so auszugestalten, dass die neuen und auch die schon lange bei Schindler Beschäftigten Arbeitszeit und Arbeitsort so flexibel gestalten können, wie es für sie nötig ist – ohne sich selbst übermäßig zu belasten. Denn das geschieht häufig, wenn Unternehmen flexiblere Arbeitszeit- und Arbeitsplatz-Modelle einführen. „Dafür haben wir gerade eine sehr innovative Betriebsvereinbarung mit dem Arbeitgeber abschließen können, in der wir als Betriebsräte darauf achten, dass Flexibilität nicht dazu führt, dass sich die Beschäftigten zu ihren eigenen Lasten zu viel abverlangen“, sagt Bettina Contenius.

Dabei und bei vielen weiteren Prozessen und Auseinandersetzungen mit der Geschäftsführung hilft, dass die IG Metall-Betriebsräte bei Schindler einen kurzen Draht zu ihrer IG Metall Berlin und der geballten Expertise dort haben. „Wir haben zwar einen Tarifvertrag, der an den Branchentarifvertrag der IG Metall angelehnt ist. Das heißt aber nicht, dass wir automatisch alle tariflichen Leistungen des IG Metall-Flächentarifvertrages bekommen“, sagt Erhard Wandrei.

So wollte die Geschäftsführung etwa den Sondertarifvertrag T-Zug nicht einführen. Und sie hätte es auch nicht in Eigenregie mit den Betriebsräten tun können. „Tarifverträge kann nur eine Gewerkschaft wie die IG Metall abschließen. Sie sind einer der vielen guten Gründe, warum es sich für jeden Beschäftigten lohnt, Teil der Solidargemeinschaft der IG Metall zu werden“, sagt Bettina Contenius.

In diesem Fall ist er Bares wert: Mit dem Sondertarifvertrag T-Zug erhalten alle Beschäftigten zusätzliche 27,5 Prozent vom individuellen Monatsentgelt. Wer Kinder oder pflegebedürftige Angehörige betreut oder in Schicht arbeitet,  kann dieses Zusatzentgelt auch in acht zusätzliche freie Tage umwandeln. „Es hat bei uns ein bisschen länger gedauert als in Betrieben, die automatisch in den Genuss der IG Metall-Tarifverträge kommen“, sagt Bettina Contenius. „Aber mit Unterstützung der IG Metall haben wir gute Argumente gegenüber der Geschäftsleitung gehabt, den T-Zug jetzt auch bei Schindler einzuführen“.

Das hilft besonders in Zeiten wie diesen bei Schindler, wo alle übermäßig viel zu tun haben. Gerade dann sind zusätzliche freie Tage Gold wert, um sich auch den anderen Seiten des Lebens zuzuwenden: Es läuft also bei Schindler, besonders gut in Berlin.

 

 


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