20.11.2025 | Mehr als 160 aktive Metallerinnen und Metaller starteten am 19. November in eine dreitägige Aktivenkonferenz. Am ersten Tag drehte sich alles um die Industriepolitik. In Workshops bereiteten die Aktiven die Diskussion am Nachmittag inhaltlich vor. Zwei Stunden diskutierten dann Jürgen Kerner und Jan Otto in einer offenen Diskussion mit dem Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und Wolfgang Schroeder, Professor für Politikwissenschaft der Universität Kassel über die Thesen aus den Workshops.
Bis auf den letzten Stuhl war der Saal am späten Nachmittag gefüllt. In knapp zwei Stunden wurden Themen wie staatliche Förderung, Verlagerung von Entwicklung, Wohnen in Berlin, einheitliches Schulsystem in allen Bundesländern, Weiterbildung, Mobilitätskonzept für Berlin, fehlende Ladeinfrastruktur für die Elektromobilität und mehr intensiv diskutiert. Özge Karabulut, Jugendvertreterin und Mitglied im OJA moderierte gemeinsam mit Jakob Heidenreich, Jugendsekretär der IG Metall Berlin, die lebendige Diskussion. Dabei waren die vier Diskutanten in der Mitte, die Aktiven kamen mit ihren Thesen in die Mitte – und die Kolleginnen und Kollegen im Außenkreis drumherum konnten mit einer Roten Karte einen Themenwechsel initiieren.
„Entweder wir schauen zu oder wir wehren uns!“
Jürgen Kerner machte den Kolleginnen und Kollegen Mut, sich zu wehren. „Wir verlieren derzeit bis zu 10.000 Industriearbeitsplätze im Monat, gut bezahlte tarifgebundene Arbeitsplätze. Und wir wissen alle, sind die erstmal weg, kommen sie auch nicht wieder. Wir wollen diesen Industriestandort erhalten und wir wollen die Demokratie stabilisieren. Das hat in meinen Augen auch etwas mit gut bezahlten, sicheren Jobs zu tun. Und wir müssen wieder gemeinsam für unsere Industriearbeitsplätze kämpfen. Wir waren zu ruhig, wir waren zu brav. Entweder wir schauen zu oder wir wehren uns!“
Jan Otto begrüßte die Metallerinnen und Metaller als Bezirksleiter und forderte in der Diskussion einen Masterplan für Deutschland: Gewerkschaften und Arbeitgeber gemeinsam für unser Industrieland. „Die Industrieregion Berlin-Brandenburg hat alle Chancen, in zehn Jahren besser dazu stehen als viele sich das heute vorstellen. Wir haben hier ein riesiges Potenzial für Neuansiedlungen, das die Metropolregion noch besser nutzen muss. Dafür brauchen wir nicht nur eine aktive Industriepolitik und mehr öffentliche Investitionen zur Stärkung der Infrastruktur. Nötig sind auch Unternehmen, die sich zum Standort Ostdeutschland bekennen und hier investieren, statt stumpf Werke zu schließen und Arbeitsplätze zu verlagern. Wer die Chancen jetzt ergreift und auch antizyklisch investiert, wird morgen der Gewinner sein“, sagte er.
Staatliche Förderung mit Bedingungen verknüpfen
Kai Wegner, der Regierende Bürgermeister von Berlin, gab sich nahbar und bot in der Diskussion das Du an. Er forderte die europaweite Zusammenarbeit der Gewerkschaften zu stärken. „Nicht Arbeitsstandards und -kosten in Deutschland absenken, sondern schlechtere Arbeitsbedingungen im Ausland müssen an unser Niveau heran. Wir müssen vorangehen.“ Wegner unterstütze auch die stärkere Verknüpfung von staatlicher Förderung mit Bedingungen.
Jürgen Kerner kritisierte, dass die Förderung nicht an Bedingungen geknüpft werde. Er habe kein einziges Beispiel erlebt und forderte eine dringende Umsetzung von der Politik.
Wolfgang Schroeder, Professor für Politikwissenschaft der Universität Kassel, blickte auf Berlin als führenden Wissenschaftsstandort in Europa. Hier könnten wir uns in Deutschland noch stärker vernetzen. Er berichtete, dass Deutschland in den 1990er Jahren noch 23 Prozent des BIP mit der Industrie erwirtschaftete und war weltweit führend. Seit 2017 gehe diese Zahl stark nach unten. „Wir brauchen Innovation und motivierte, gut bezahlte Beschäftigte für den Hightech-Standort Deutschland“, forderte er.
„Industriepolitik muss über die Stadtgrenzen hinausgehen“, so Schroeder. „Die Gefahr ist, dass die Politik überfordert wird und die Unternehmen unterfordert.“ Dabei nahm er die Unternehmen beispielsweise beim Thema Elektro in die Pflicht. „Warum haben sich die Autokonzerne nicht zusammengetan und eine gute Infrastruktur mit Strom-Tankstellen aufgebaut?“, fragte er.
Die Diskussion wurde sehr lebendig geführt. Dabei erzählten Metallerinnen und Metaller auch konkret von ihren Lebenserfahrungen, beispielsweise eine alleinerziehende Mutter von drei Kindern berichtete von ihren Erfahrungen mit dem Bildungssystem in Berlin. Immer wieder gab es Wortbeiträge auch aus dem Publikum und die rote Karte wurde dann eingesetzt, wenn ein Thema schon intensiv genug diskutiert worden war oder die Diskussion abzuschweifen drohte.
Nach der Diskussion gab es noch einen gemeinsamen Foto-Termin, denn die Aktiven machten sehr klar, dass sie sich für eine Ausbildungsplatzumlage einsetzen. In Berlin machen die Arbeitgeber und Kammern gerade Stimmung gegen die Ausbildungsplatzumlage. Am Abend wurde beispielsweise bekannt, dass die Handwerkskammer aus dem Bündnis für Ausbildung ausgestiegen ist.