Wahloption, Transformation, Gewerkschaftstag:

Start 2019

  • 21.12.2018
  • jb
  • Aktuelles

Die neue Führungsspitze blickt im Interview ins neue Jahr.

Die neue Führungsspitze: Birgit Dietze und Regina Katerndahl, die Erste und die Zweite Bevollmächtigte der IG Metall Berlin

Birgit Dietze: "Was wir in den betrieblichen Auseinandersetzungen brauchen, sind top ausgebildete Betriebsräte und gut arbeitende und vernetzte Vertrauensleute. Das gilt es 2019 zu stärken."

Regina Katerndahl: "Berlin ist wie ein Brennglas für die heutige Entwicklung von traditioneller Industrie und neuen Industrieformen. Als IG Metall müssen wir neu entstehende Beschäftigungsgruppen ansprechen und die jetzigen Mitglieder halten." Fotos: Christian von Polentz

2019 beginnt die IG Metall Berlin mit Euch beiden als neuem Führungsteam. Wie fühlt sich das an?
Birgit: Gut und neu. Neu in zweierlei Hinsicht: in der Verantwortung zusammen mit Regina und in der Verantwortung für die IG Metall Berlin.
Regina: Weil wir aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf die Dinge sehen, ergänzen wir uns gut und haben fruchtbare Diskussionen. Das fühlt sich gut an.

Die Zeiten sind unruhig, politisch und wirtschaftlich. Wo steht die IG Metall Berlin Anfang 2019?
Regina: Wir hatten eine erfolgreiche Tarifrunde, viele Beschäftigte nutzen die Möglichkeit der acht zusätzlichen freien Tage im Jahr 2019. Aus den bisherigen Rückmeldungen aus den Betrieben erkennen wir einen hohen Bedarf an Personalplanung. Das heißt, wir nutzen die Chance, die Mitbestimmung im Betrieb zu stärken. Als IG Metall Berlin haben wir eine stabile Mitgliederentwicklung. Dies alles bietet eine gute Ausgangslage.
Birgit: Auf solider Basis vor großen Herausforderungen, würde ich sagen. Als Gewerkschaft sind wir von den Mitgliedern getragen und mit ihnen für ihre Interessenwahrnehmung zuständig. Die Welt hat sich gewandelt: Die Marktlogik durchzieht fast alle gesellschaftlichen Bereiche, die Globalisierung eröffnet Standortkonkurrenzen um niedrigste Konditionen und die Digitalisierung schreitet voran. Die IG Metall sieht diese Entwicklungen, und der jüngste Tarifabschluss war als Reaktion ein kraftvolles Zeichen darauf.

Was habt Ihr Euch für 2019 vorgenommen?
Birgit: Ich werde mich zunächst einmal in den Betrieben umschauen. Was wir in den betrieblichen Auseinandersetzungen brauchen, sind top ausgebildete Betriebsräte und gut arbeitende und vernetzte Vertrauensleute. Das gilt es 2019 zu stärken.
Regina: Berlin ist wie ein Brennglas für die heutige Entwicklung von traditioneller Industrie und neuen Industrieformen. Als IG Metall müssen wir neu entstehende Beschäftigungsgruppen ansprechen und die jetzigen Mitglieder halten. Betriebe mit neu gegründeten Betriebsräten erfordern in der Regel besondere Unterstützung – dies werden wir stärker berücksichtigen.

Welche Themen werden die IG Metall Berlin im kommenden Jahr besonders beschäftigen?
Regina: Ich knüpfe noch einmal an dem Tarifergebnis mit der Wahloption für acht zusätzliche freie Tage an. Wir werden sehen, wie groß das Bedürfnis unserer Kolleginnen und Kollegen ist, über ihre Arbeitszeit mehr selbst zu bestimmen. Außerdem wollen wir den Prozess, die Arbeitszeiten in Ost und West aneinander anzugleichen, regeln, das heißt hin zur 35 Stunden-Woche. In Berlin haben wir beide Tarifgebiete und es ist überfällig, dass die Arbeitgeberverbände mit uns zu einer verbindlichen Lösung kommen.
Birgit: Wir werden uns weiter mit den Herausforderungen der Transformation beschäftigen: Welche Tätigkeiten werden entfallen, welche sich ändern? Wie verändert sich die Arbeit? Wie deren Bedingungen? Wir brauchen hier kluge Antworten und Ansätze, strategisch Arbeitsplätze und gute Arbeitsbedingungen zu sichern und zu schaffen. Wichtig ist, dass wir den Beschäftigten in ihren Sorgen und Befürchtungen gut zuhören und gemeinsam Lösungen entwickeln. Und ab dem Herbst wird die Tarifrunde 2020 ihre Schatten vorauswerfen.

Regina, das vergangene Jahr war für Dich sehr geprägt durch die Auseinandersetzungen bei Siemens. Was nimmst Du aus dem Konflikt für das kommende Jahr mit?
Regina: Dass es uns gelungen ist, für alle Siemens-Standorte in Deutschland die Position zusammenhalten und zusammen handeln aufrechtzuerhalten. Wer sich kennt und vertraut, wer bereits in der Vergangenheit erfahren hat, dass sich gemeinsames Handeln auszahlt, lässt sich viel schwerer mit vermeintlich guten Lösungen für den einzelnen Standort locken. Wir haben für jeden Standort eine Zukunftsperspektive erhalten können – kein Siemens-Standort in Deutschland wird geschlossen. Darüber hinaus habe ich erlebt, wie viele Ideen Beschäftigte und Betriebsräte für bessere Betriebsabläufe und neue Produkte haben. Aus diesen betrieblichen Ideen ist dann in Gesprächen mit dem Senat der Keim für den Industrie und Wissenschafts-Campus Berlin gelegt worden.

Mit dem Siemens-Campus soll ein an Innovationen orientiertes neues Technologie-Zentrum entstehen. Bei Siemens heißt es sogar Zukunftsprojekt für Deutschland. Was versprichst Du Dir davon?
Regina: Siemens steht im Transformationsprozess und Strukturwandel. Wir wollen, dass die Geschäftsführungen der Berliner Industriestandorte die Beschäftigten mitnimmt, damit sie auf dem Siemens-Campus gute Arbeit finden. Hier sollen Modelle dafür entstehen, wie wir die Transformation für alle gut gestalten.

Birgit, als neue Erste Bevollmächtigte wirst Du sicher auch ein paar Dinge anders manches als Dein Vorgänger Klaus Abel. Worauf können sich die Berliner Metallerinnen und Metaller freuen?
Birgit: Klaus hat eine hervorragende Arbeit geleistet, die ihm hohen Respekt und breite Anerkennung zollt. Daher ist das eine schwierige Frage. Ich glaube, es wird sich erst im Laufe der Zeit zeigen, ob ich etwas anders mache oder nicht. Mich beschäftigen gerade Fragen, wie wir die inhaltliche Arbeit noch lebendiger und spannender gestalten können, damit wir noch breitere Kreise begeistern und anziehen können.

Um den kräftigen Veränderungen durch Klimawandel und Digitalisierung besser begegnen zu können, will der Vorstand der IG Metall im kommenden Jahr einen Transformationsatlas für Deutschland ins Leben rufen. Wie setzen wir das als IG Metall Berlin um?

Birgit: Der Transformationsatlas ist ein wichtiges Instrument, um in den Betrieben zu ermitteln, welche Veränderungen anstehen. Wir werden uns Anfang des Jahres auf erste Pilotbetriebe verständigen und uns zu Fragen der Digitalisierung schulen.
Regina: In der Diskussion mit den Beschäftigten werden wir viel über die Strategien der Geschäftsführung lernen und können dann gemeinsam mit den Beschäftigten unsere Antworten darauf überlegen. Ein Ziel ist, mit Beschäftigten, Betriebsräten und Personalabteilungen Qualifizierungspläne zu erarbeiten.

Wie können die Kolleginnen und Kollegen in den Betrieben das unterstützen?
Birgit: Indem sie sich dem Prozess öffnen, wenn das nicht ohnehin schon geschehen ist. Die Transformation ist ja überhaupt noch nicht überall sichtbar. Es gibt hier unterschiedliche Geschwindigkeiten, viele sprechen eher von Evolution als von vierter industrieller Revolution. Die exponentielle Dynamik der Vernetzung der Dinge ist noch nicht entfaltet. Die Gefahr besteht aber meines Erachtens schon darin, die Entwicklungen zu unterschätzen. Daher ist Offenheit wichtig. Außerdem müssen wir in den Fragen der Digitalisierung stärker übergreifend in den Betriebsräten arbeiten, weil es sich um ein breites Querschnittsthema handelt. Und drittens braucht dies Kapazitäten. Diese freizuräumen, ist eine Investition in die eigene Zukunft.
Regina: Wir werden unsere Kolleginnen und Kollegen in gemeinsamen Workshops konkret zu ihren Abläufen befragen. Da wird sichtbar, was in den Betrieben passiert. Wir werden in einem ersten Schritt 20-25 Betriebe befragen.

Im September ist unser Gewerkschaftstag. Was erhofft Ihr Euch?
Regina: Für mich ist wichtig, dass wir in diesen unruhigen Zeiten politische Signale setzen. Die IG Metall hat eine hohe Verantwortung, Gesellschaft zu gestalten, damit wir auch morgen noch in einer Demokratie leben, in der gute Arbeit und verhandelbare Verbesserungen für die Beschäftigten eine zentrale Rolle spielen.
Birgit: Wichtig ist aus meiner Sicht, dass der Gewerkschaftstag ein kraftvolles Zeichen in die Gesellschaft und die Betriebe sendet. Gewerkschaften sind Wächter über die Bedingungen der Arbeit, und die Arbeit ist das zentralste Element im Leben der Menschen. Über unsere Tarifverträge gestalten wir die Arbeitsbedingungen. Diese Gestaltung trägt wesentlich zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei. Dabei sind wir weder Kreativitätsbremsen noch Betonköpfe. Der Gewerkschaftstag wird diskutieren und beschließen, welche Schritte wir zusammen mit den Mitgliedern in den nächsten Jahren gehen.

Wie werden wir uns als IG Metall Berlin darauf vorbereiten?
Regina: Sieben Berliner Delegierte werden hinfahren, Betriebsräte und Vertrauensleute aus den großen Betrieben, Kolleginnen und Kollegen aus dem Ortsvorstand, der Jugend und dem Migrationsausschuss, Birgit und ich. Welche Anträge wir zum Gewerkschaftstag einbringen, werden die Diskussionen der kommenden Monate zeigen.   
Birgit: Mit einem Debattenpapier werden wir als Gesamtorganisation ab Januar auf die betrieblichen, tariflichen und gesellschaftlichen Fragen fokussieren. Wir werden uns in den Betrieben, Vertrauensleutesitzungen, Stadtteilgruppen, Arbeitskreisen und auf der Delegiertenversammlung mit dem Debattenpapier und den Herausforderungen gewerkschaftlicher Arbeit der nächsten Jahre auseinandersetzen, um uns dann als IG Metall Berlin in den Bundesprozess einzubringen.


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