Klaus Abel übernimmt eine neue Aufgabe

„Transformation muss mit sozialen Fortschritten einhergehen“

  • 29.11.2018
  • mn
  • Aktuelles

Klaus Abel hat die Arbeit der IG Metall Berlin 16 Jahre mitgeprägt. Nun wechselt er zum Vorstand und widmet sich in einem neuen Team der Frage: Wie muss sich die IG Metall weiterentwickeln und verändern, um die Transformation im Sinne der Beschäftigten mitzugestalten? Im Interview erzählt er, welche Erfahrungen er aus Berlin mitnimmt, was er von seiner Nachfolgerin hält und was er vermissen wird.

Joe Kaeser schockt 2017 die Siemens-Beschäftigten. Betriebsräte und IG Metall machen Dampf. Zum einen auf der Straße, zum anderen, indem sie den Kürzungsplänen kreative Ideen gegenüberstellen. Ganz vorne mit dabei: der Erste Bevollmächtigte, Klaus Klaus Abel. (Fotos: Christian von Polentz/transitfoto.de)

Der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Berlin auf Betriebstemperatur.

Tarifpolitik allein reicht nicht aus, um gute Arbeit zu gestalten. Unter Klaus Abel setzt die IG Metall auch auf eine konzertierte Berliner Industriepolitik mit dem Regierenden Bürgermeister, Michael Müller, mit Unternehmen, Verbänden und Wissenschaft.

Klaus Abel schätzt Birgit Dietze sowohl inhaltlich als auch menschlich.

Klaus Abel diskutiert mit Ramona Pop, Berliner Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe, über Industriepolitik.

Klaus Abel auf der 1. Mai-Kundgebung 2018

Zusammen mit der Zweiten Bevollmächtigten, Regina Katerndahl, hat Klaus Abel die IG Metall sehr erfolgreich geführt. Danke.

Klaus, seit Anfang 2002 wirkst Du in der Geschäftsstelle der IG Metall Berlin, erst als politischer Sekretär im Rechtsbereich, dann als zweiter Bevollmächtigter neben Arno Hager und seit mehr als vier Jahren als Erster Bevollmächtigter. Nun wechselst Du zum IG Metall-Vorstand. Was wirst Du vermissen?
Ich arbeite unglaublich gerne in der Geschäftsstelle. Vermissen werde ich in jedem Fall unser eingeschworenes Team in der Berliner Geschäftsstelle und die enge Zusammenarbeit mit den Metallerinnen und Metallern in den Betrieben. Wir haben gemeinsam zahlreiche Kämpfe gefochten und viele Erfolge gefeiert. Sei es aktuell bei Siemens, indem wir Standorte und Arbeitsplätze erhalten haben, sei es bei Gilette oder GE. Andererseits gestalten wir nun aktiv Industriepolitik mit, indem wir konstruktiv mit Unternehmen, Senat, Verbänden und Universitäten zusammenarbeiten. Zugleich zeigen wir bei skandalösem Verhalten, wie der des Eigentümers und des Spitzenmanagements bei Knorr-Bremse klare Kante.

Was macht die IG Metall in Berlin aus?
Wir sind sehr in dieser Stadt verankert, darüber hinaus sowohl konflikt- als auch zukunftsfähig, weil wir in unseren Betrieben mit den Beschäftigten eng vernetzt sind. In den Betriebsratsgremien sitzen für die IG Metall Menschen aus der Produktion, der Verwaltung, genauso Hochqualifizierte aus der Forschung. Wir spüren einen starken Zusammenhalt zwischen allen Gruppen, seien es Migranten, Seniorinnen, Jugendliche, Frauen, Männer. Die Vielfalt von Berlin spiegelt die IG Metall Berlin wider. Und sehr wichtig: Wir bilden zu allen eine Klammer.

Birgit kenne ich 28 Jahre und schätze ihre Arbeit sehr. Mit ihrem außergewöhnlichen Engagement, ihrer Kompetenz und ihrer Wertschätzung für die Menschen wird sie die Berliner IG Metall erfolgreich in die Zukunft führen. Klaus Abel

Nun übernimmt Birgit Dietze, die dann zusammen mit der Zweiten Bevollmächtigten, Regina Katerndahl, eine weibliche Doppelspitze bilden wird. Was wird sich ändern?
Zuerst einmal ist eine weibliche Doppelspitze Ausdruck einer guten Entwicklung. Es zeigt, dass die IG Metall Berlin sich immer weiterentwickelt. Birgits Arbeit schätze ich sehr. Sie wird die Berliner IG Metall erfolgreich in die Zukunft führen. Denn sie steht sowohl für Aufbruch als auch Kontinuität.

Du wechselst zum IG Metall Vorstand und wirst Dich da mit der Transformation in einem neuen Team beschäftigen. Was reizt Dich daran?
Mit der Transformation kommen auf die Metall- und Elektroindustrie fundamentale Veränderungen zu. Auch wir als IG Metall müssen uns verändern und weiterentwickeln, um unseren Gestaltungsanspruch in diesem Prozess zu behalten. In diese Entwicklung kann ich meine Erfahrungen aus Berlin einbringen, denn die spielen eine wichtige Rolle.

Inwiefern?
Berlin ist nicht erst heute ein Brennpunkt von Transformation. Nach dem Zusammenbruch der DDR sind rund 100.000 industrielle Arbeitsplätze im Osten der Stadt aber auch im Westen weggefallen. Inzwischen hat sich die Zahl dieser industriellen Arbeitsplätze bei 100.000 stabilisiert. Wir reden hier von tarifgebundenen Arbeitsplätzen. Diese sind Voraussetzung, dass Beschäftigte ein gutes Leben führen können, in der Stadt genügend Kaufkraft herrscht und weitere Arbeitsplätze im Dienstleistungsgewerbe entstehen können. Deshalb müssen wir auch junge Menschen, die in Start-ups arbeiten, für gewerkschaftliche Ideen begeistern.

Mit der Digitalisierung geraten traditionelle Industrien erneut unter Druck?
Die Digitalisierung ist ja nur ein Treiber, der andere ist der Klimawandel, der uns nötigt, Mobilität und Energieversorgung vollkommen neu zu denken und zu verändern. Das bedeutet für die traditionellen Industrien eine ungeheure Herausforderung, sei es bei Daimler oder BMW, bei den Zulieferbetrieben, genauso beim größten industriellen Arbeitgeber in der Stadt, Siemens.

Was ist mit den Chancen?
Die entstehen auch. Die müssen wir ergreifen und wo es notwendig ist, Unternehmen auch zu ihrem Glück zwingen. Wichtig ist, dass traditionelle industrielle Arbeitsplätze und die damit verbundene Produktion erhalten bleiben. In Berlin sehen wir diese Entwicklungen wie unter einem Brennglas, weil es nicht einen großen Arbeitgeber gibt, sondern viele unterschiedliche Unternehmen, die alle nach einem Platz in der digitalen Welt suchen. Hier sehen wir es als unsere Aufgabe an, dass Politik und Unternehmen bei allem technischen Bohei nicht die sozialen Aspekte aus dem Auge verlieren.  

Was bedeuten Transformation und Digitalisierung für Beschäftigte und IG Metall?
Jede Menge Fragen auf vielen Ebenen, auf die wir Antworten finden müssen. Industrieroboter sind ein sichtbares Zeichen für die Veränderungen in der Produktion. Für Künstliche Intelligenz fehlt ein griffiges Symbol, die Wirkung von KI ist jedoch genauso fundamental, gerade im Angestelltenbereich, aber auch bei Hochqualifizierten. Alle Beschäftigten benötigen einen starken Partner an ihrer Seite, denn die Veränderungen werden auch mit Auseinandersetzungen einhergehen. Wir befürworten die Transformation, aber sie darf nicht nur technische Fortschritte bringen, sondern muss mit sozialen Fortschritten für die Menschen einhergehen.

Was verändert sich in der Gewerkschaftsarbeit konkret?
Die Struktur der Mitglieder wird sich entsprechend ändern. Wenn Roboter und KI Arbeit übernehmen, müssen wir Lösungen für die Menschen erreichen. Dafür müssen wir aber auch neu entstehende Berufsgruppen ansprechen und sie von unserer Arbeit überzeugen, damit sie bei uns mitmachen. Wie aber gestalten wir all diese Entwicklungen? Solidarität und Engagement wollen wir modern definieren, ohne dass wir heute das Wie bereits kennen können. Welches Gesellschaftsbild tragen unsere Mitglieder in sich und wohin wird sich dieses entwickeln, wenn sich unsere Mitglieder künftig anders zusammensetzen. Wir haben also viele Fragen und wir begeben uns jetzt auf die Suche nach Antworten. Diese finden wir, wenn wir vom Betrieb her denken. Das ist ein spannender Prozess und ich bin sehr dankbar, dass ich daran teilnehmen kann. Meine Berliner Erfahrungen werden mir dabei helfen.


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