Jan Otto und Regina Katerndahl blicken ins neue Jahr

„Wir haben den Anspruch, Leuchtturm zu sein für die Zukunft der IG Metall“

  • 30.12.2021
  • Michael Netzhammer
  • Aktuelles

Die IG Metall Berlin hat 2021 ein Leitbild verabschiedet und mit einem Fokusprozess einen Systemwandel begonnen. Im Interview schauen Jan Otto und Regina Katerndahl, Erster und Zweite Bevollmächtigte/r zurück und in ein spannendes Jahr nach vorn.

Beschäftigte, Betriebsrat und IG Metall erkämpfen eine Zukunft für das Daimlerwerk.

In der Tarifrunde haben Beschäftigte, Betriebsräte, Vertrauensleute und IG Metall kreative Formen gefunden, wie sie ihre Forderungen untermauern können.

Bei Siemens Energy wäre ein besseres Ergebnis drin gewesen, wenn mehr Beschäftigte sich in der IG Metall organisiert hätten. Daran arbeiten IG Metall, Vertrauensleute und Betriebsrat 2022.

Der Transformationskongress im September 2021 hat Maßstäbe gesetzt und wird auch 2022 wieder stattfinden. (c) alle Fotos Christian von Polentz/transitfoto.de

Was waren 2021 Meilensteine, die Beschäftigte, Betriebsräte und IG Metall Berlin erreicht haben?

Regina: Corona hat unsere Bedingungen für eine Tarifrunde erschwert. Daher haben wir  kreative Aktionen organisiert und damit  gute Ergebnisse erzielt. Darüber hinaus waren wir 2021 immer ansprechbar, haben Betriebsräte bei pandemiebedingten Änderungen beraten, so dass diese gute Vereinbarungen abschließen konnten.

Jan: Wir haben sehr wichtige Auseinandersetzungen geführt, vor allem bei Daimler und Siemens Energy. Wir konnten gemeinsam Daimlers ältesten Standort in Marienfelde vor dem Aus retten, haben dem Werk eine (E-)Zukunft eingehaucht und damit eine der weitgehendsten Transformationen in Deutschland auf den Weg gebracht.

Und bei Siemens Energy?

Regina: Auch hier haben wir etliches erreicht, zum Beispiel weniger Personalabbau, einige Investitionen und ein Zeitfenster, um weiterhin für den Standort Berlin zu überzeugen. Wir hätten mehr erreichen können, wenn wir im Werk besser organisiert gewesen wären. Und genau daran arbeiten wir mit den Vertrauensleuten und den Betriebsräten. Es müssen noch mehr werden, wollen die Beschäftigten bei Siemens ihre Arbeit mehr gestalten.

Was folgert daraus für 2022?

Jan: Platt gesagt, wo wir gut organisiert sind, können wir was reißen. Wo die Belegschaft nicht mitzieht, weniger. Wo wir aber in den Ring steigen, wollen wir gewinnen. Deshalb haben wir 2021 einen Systemwandel initiiert, mit dem Ortsvorstand ein Leitbild formuliert und einen Fokusprozess gestartet.

Was ändert sich mit dem Leitbild?

Regina: Das Leitbild formuliert einen klaren Handlungsauftrag, an dem wir unsere Arbeit ausrichten werden. Damit senden wir eine Botschaft an alle Beschäftigten und Betriebsräte, die sich organisieren, Mitbestimmung leben und ihre Arbeitsbedingungen verbessern wollen. Mit ihnen machen wir uns auf den Weg. Wer sagt, „IG Metall macht ihr mal“, mit denen können wir nicht gewinnen.

Jan: Jeder Konflikt, den wir führen, kostet Kraft und absorbiert Ressourcen. Diese sind begrenzt: Auch als IG Metall müssen wir deshalb unsere Mittel möglichst effektiv einsetzen, um das Maximum für unsere Mitglieder erreichen zu können. Deshalb haben wir einen Fokusprozess gestartet, in dem wir uns stärker auf Betriebe konzentrieren, deren Belegschaft was will. Und: Wenn wir insgesamt mehr werden, haben wir auch mehr Ressourcen!

Ist ein hoher Organisationsgrad eine Voraussetzung?

Regina: Nein, nicht für den Start. Die Berliner Betriebslandschaft ist sehr vielfältig, die Bandbreite riesig. Wir machen uns mit einer Initiative, die erst einen Betriebsrat gründen will, genauso auf den Weg wie mit einem Betrieb, der noch kampffähiger werden will. Wichtig ist: Sie müssen die Mitgliederentwicklung fest im Blick haben!

Was beinhaltet der Fokusprozess?

Regina: Vereinfacht gesagt formuliert unser Leitbild das Ziel, im Fokusprozess definieren wir den Weg dorthin, gemeinsam mit den Betriebsrät*innen und unseren Vertrauensleuten für ihre betrieblichen Themen. Dafür ist es entscheidend, dass wir als IG Metall wachsen. Bis Ende 2023 wollen wir auf 35.000 Mitglieder anwachsen, bis 2030 sollen es 40.000 sein. Bereits in diesem Jahr haben wir 400 aktive Metallerinnen und Metaller im Saldo als Plus gewonnen. Das ist die Voraussetzung, um notwendige Konflikte führen zu können. Geschenkt bekommen wir nichts.

Wie führen wir Konflikte erfolgreich?

Jan: Wir müssen die Tür auch zuwerfen, dem Arbeitgeber glaubhaft vermitteln können, dass wir im Notfall die Lage eskalieren. Dafür brauchen wir die Belegschaft. Konflikte austragen ist aber nur ein Baustein. Zweitens denken wir auch betriebswirtschaftlich und strukturpolitisch, um den nicht selten betriebswirtschaftlich getriebenen, kurzfristig gedachten Plänen der Vorstände alternative Konzepte entgegenstellen zu können. Diese Veränderung unserer Rolle ist entscheidend für die Zukunftsfähigkeit der IG Metall!

Welche Rolle spielt die Politik?

Jan: In der Transformation reicht es nicht aus, auf den einzelnen Betrieb zu schauen. Darüber hinaus müssen wir strukturpolitisch die Weichen stellen. Deshalb engagieren wir uns für eine vernünftige Struktur- und Industriepolitik in der Stadt. Wir müssen mehr in Clustern denken, um Wertschöpfung in Berlin und der Region zu stärken.

Regina: Die Politik weiß unsere Expertise zu schätzen. Dadurch können wir Entwicklungen treiben, Akteure vernetzen und die politisch Verantwortlichen ins Boot holen.

Jan: Mit der Transformationskonferenz im September haben wir ein wichtiges Forum geschaffen, das wir künftig regelmäßig abhalten wollen.

Berlin hat gewählt, die neue alte Koalition ist verabschiedet. Was erwartet Ihr?

Jan: Im Koalitionsvertrag steht alles drin, was wir uns gewünscht haben. Jetzt muss die Koalition das umsetzen. Wo die Politik uns braucht, werden wir sie dabei unterstützen. Wichtig ist uns, dass die Industrie in Berlin eine Zukunft hat und sich der Steuerungskreis Industriepolitik beim Berliner Senat zu einem Transformationsbeirat entwickelt. Die Stadt und ihre Industrie verändert sich. Nur ein Beispiel: Wir haben nun rund 80.000 Arbeitsplätze in der Softwarebranche. Auch wenn sie dort das Image, anders zu sein, kultivieren, sind die Auseinandersetzungen dort die gleichen. Viele Beschäftigte klagen über Arbeitsüberlastung und intransparente Entgelte. Und in der Krise ist Hire & Fire nicht selten. Hier wollen wir die Beschäftigten organisieren und ihre Bedingungen mit ihnen gemeinsam verbessern.

Wo seht Ihr die Herausforderungen für 2022?

Regina: Ganz oben stehen die Betriebsratswahlen ab März 2022 und die anstehende Tarifrunde. Wir registrieren zahlreiche Auseinandersetzungen,  bei denen Arbeitgeber vermeintliche Standards in Frage stellen, ob es um flexible Arbeitszeiten geht, die Übernahme von Auszubildenden oder vereinbarte Entgelte. Insbesondere bei Ausgliederungen und Verkäufen müssen wir immer erneut um Tarifstandards kämpfen. 

Wie schaut ihr auf die Betriebsratswahlen?

Jan: Es ist zum einen wichtig, dass die Beschäftigten sich beteiligen, zum anderen wollen wir in möglichst allen Unternehmen starke IG Metall-Betriebsräte sehen. Nur mit ihnen – das zeigen nicht nur die Beispiele Daimler oder Siemens – fahren die Beschäftigten am besten, auch weil sie eine starke IG Metall im Rücken haben. Wir bieten allen Betriebsräten, die als Team IG Metall eine aktive Kampagne fahren wollen, unsere Unterstützung an.

Regina: Ein gutes Wahlergebnis ist das eine. Die neuen Gremien müssen andererseits auch schnell arbeitsfähig werden. Hier bieten wir Schulungen an, vernetzen sie und initiieren den Austausch untereinander.

Worum wird es bei der Tarifrunde gehen?

Regina: Energie, Mieten, Öl- und Benzin sowie Lebensmittel sind in diesem Jahr zum Teil dramatisch teurer geworden. Die Inflationsrate lag im November bei 5,2 Prozent. Hier brauchen wir eine deutliche Erhöhung der Entgelte.

Jan: Wir wollen auch die Entgeltverluste von 2020 und 2021 aufholen, gleichzeitig eine Forderung aufstellen, die wir auch durchsetzen können. Wir werden deshalb einen der härtesten Tarifkämpfe der vergangenen Jahre führen müssen.

Welche Rolle soll darin die IG Metall Berlin spielen?

Jan: Wir halten in Konflikten den Kopf raus und wollen auch die Erwartungen in uns erfüllen. Wir machen aktuell einer der aktivsten Industriepolitiken bundesweit, vernetzen uns dafür immer stärken mit der Region, mit Bayern und Baden-Württemberg. Stadtstaat war gestern, heute nehmen wir die Rolle der Bundeshauptstadt an. Als Berlinerinnen und Berliner haben wir den Anspruch, Leuchtturm zu sein für die Zukunft der IG Metall!