Hauptkassierer der IG Metall in Berliner Werken:

„Wir haben viel erreicht, aber feiern können wir das nicht“

  • 28.09.2018
  • rk
  • Aktuelles

Jürgen Kerner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall und Aufsichtsratsmitglied der Siemens AG, bespricht mit den IG Metall-Vertrauensleuten und -Betriebsräten den ausgehandelten Kompromiss für das Dynamowerk und das Gasturbinenwerk.

Intensive Diskussion mit den gut hundert IG Metall-Funktionsträgern im Dynamowerk

Jürgen Kerner (zweiter von links) im Gespräch mit Predrag Savic (dritter von links) und Regina Katerndahl

Regina Katerndahl und Jürgen Kerner (Mitte) mit IG Metall-Betriebsräten und -Vertrauensleuten im Gasturbinenwerk

Es ist Tag 2, nachdem das Management die Siemensianer darüber informiert hat, in Deutschland innerhalb der kommenden zwei Jahre 2.900 Stellen streichen zu wollen. Jürgen Kerner, Siemens-Aufsichtsrat und geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, besucht die betroffenen Berliner Werke, um mit den IG Metall-Funktionsträgern den ausgehandelten Kompromiss zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite zu besprechen.

500 Arbeitsplätze, die ursprünglich auch gestrichen werden sollten und nun erhalten bleiben, haben Beschäftigte, Betriebsräte und IG Metall dem Management in langen Verhandlungen abtrotzen können – davon 138 Arbeitsplätze für das Dynamowerk in Berlin. „Feiern können wir nicht. Denn denjenigen, die jetzt angesprochen werden zu gehen, ist nicht zum Feiern zumute. Für die Kolleginnen und Kollegen müssen wir eine Lösung finden“, sagt Jürgen Kerner.

Das gilt insbesondere für das Dynamowerk. Dort sollen 400 Beschäftigte das Unternehmen in den kommenden zwei Jahren verlassen. „Trotzdem haben wir viel erreicht, um auch am Standort Dynamowerk Beschäftigung zu halten“, sagt er zu den gut 100 Metallerinnen und Metallern hier, die nach der offiziellen Begrüßung durch die Werksleitung das weitere Vorgehen mit ihm besprechen.

„Natürlich gibt es Kolleginnen und Kollegen, die sich weit mehr erhofft hatten. Die sind zurecht traurig und enttäuscht“, ergänzt Regina Katerndahl, die Zweite Bevollmächtigte der IG Metall Berlin. „Aber wir haben eben auch 138 Arbeitsplätze für das Dynamowerk herausverhandeln können, die nicht gestrichen werden, und damit einen wichtigen Teil der Fertigung erhalten.“

Das sieht auch Predrag Savic, der Betriebsratsvorsitzende des Dynamowerks, so: „Wer zwischen den Zeilen liest, wird feststellen, dass wir als Dynamowerk jetzt eine größere Handlungsfreiheit haben. Und wir haben für die von Kündigung betroffenen Kollegen ein umfangreiches Paket mit finanziellem Ausgleich und Qualifizierung für neue Jobs verhandeln können.“ Das sieht auch Jürgen Kerner so: „Wir haben den Interessensausgleich und Sozialplan deutlich verbessern können, zum Beispiel in den Altersteilzeitregelungen.“

Jürgen Kerner ist als Hauptkassierer eine der entscheidenden Führungspersönlichkeiten der IG Metall auf Bundesebene. Er ist aber vor allem auch Siemensianer. Bei der Siemens AG in Augsburg lernte er Mitte der Achtziger nach dem Realschulabschluss Informationselektroniker, war dort sehr schnell Jugend- und Auszubildendenvertreter, engagierte sich als Vertrauenskörperleiter der IG Metall und Betriebsratsvorsitzender. Siemens Augsburg, das waren in den 90ern hochmoderne Computerwerke, dort produzierte Deutschlands größter Technologiekonzern Computer. „Wir dachten, wir machen die Zukunft“, sagt Jürgen Kerner.

Die Zukunft war sehr schnell vorbei: Das Management entscheid sich, die Produktion nach Japan zu verlegen und rasierte den Standort: 3.000 Beschäftigte setzte Siemens in Augsburg innerhalb von vier Jahren auf die Straße. „Das als junger Mann zu erleben, prägt fürs Leben“, sagt der Hauptkassierer der IG Metall.

Die IG Metallerinnen und Metaller in Dynamo- und Gasturbinenwerk fanden es wichtig und spannend, mit Jürgen Kerner über das Verhandlungsergebnis zu sprechen. Jetzt geht es darum, mit den ausgehandelten Möglichkeiten die Zukunft zu gestalten. „Die betroffenen Kolleginnen und Kollegen brauchen jetzt Möglichkeiten zur Qualifizierung, um innerhalb oder außerhalb von Siemens neue Beschäftigung zu finden“, sagt Jürgen Kerner. Und fordert als Aufsichtsratsmitglied der Siemens AG die Berliner Standortleiter auf, dass die betroffenen Beschäftigten an ihre Standorte wechseln können: „Die betroffenen Beschäftigten im Dynamowerk und auch im Gasturbinenwerk sollten an einem der anderen Berliner Standorte eine Chance auf Beschäftigung bekommen.“

 


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