8. Mai soll Feiertag werden:

"Wo warst Du am 8. Mai 1945?"

  • 07.05.2020
  • Jörn Breiholz
  • Aktuelles, Senioren, Jugend

Der 8. Mai 1945 ist als Tag der Befreiung von nationalsozialistischer Herrschaft, Völkermord und Kriegsgrauen ein Schlüsseltag in der deutschen Geschichte. In diesem Jahr ist er in Berlin Feiertag und arbeitsfrei. Das soll auch 2021 und in den Jahren danach so sein. Wir haben mit vier Berliner IG Metall-Mitgliedern – alle über 90 Jahre alt – darüber gesprochen, wo und wie sie den 8. Mai 1945 erlebt haben.

Esther Bejarano fordert, den 8. Mai zum Feiertag in Deutshcland zu erklären

Um den 75.ten Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus angemessen zu würdigen, hatte der rot-rot-grüne Berliner Senat im Dezember 2018 den 75.ten Jahrestag der Befreiung Europas von Nazi-Deutschland zum Feiertag in Berlin erklärt. Nun hat die Corona-Krise dem einen Strich durch die Rechnung gemacht. An der Bedeutung des Tages und seinem 75-jährigen Jubiläum ändert das jedoch nichts.

VVN/ BdA: Der Tag der Befreiung sollte Feiertag werden

Der Verein der Verfolgten des Naziregimes/ Bund der Antifaschisten (VVN/BdA) fordert schon seit Längerem, den 8. Mai zum offiziellen Feiertag in Deutschland zu machen. Gemeinsam mit der Auschwitz-Überlebenden und Vorsitzenden des Auschwitz-Komitees in der BRD e.V, Esther Bejarano, hat der VVN/BdA eine Petition gestartet, um Bundeskanzlerin Angela Merkel aufzufordern,  den 8. Mai zum Feiertag zu erklären. Mehr als 80.000 Menschen haben die Petition schon gezeichnet.

„Die IG Metall Berlin unterstützt die Petition“, sagt Birgit Dietze, Erste Bevollmächtigte der IG Metall Berlin. „Zahlreiche unserer älteren Mitglieder haben die Gräueltaten der Nazis erleben müssen und berichten uns davon. Seit der Befreiung vom Nationalsozialismus leben wir nun seit 75 Jahren in Frieden in Europa. Wir gedenken an diesem Tag der Opfer und es ist unsere Aufgabe mit dafür zu sorgen, dass sich so etwas nie wiederholt.“  

Wir haben mit vier Berliner IG Metall-Mitgliedern über ihren 8. Mai 1945 gesprochen – und was sie über den 8. Mai als Feier- und  Gedenktag denken. Hier erzählen sie von ihrem 8. Mai 1945 und wie es dann weiterging:

 

In Flensburg: „Da ist einer mit dem Motorrad vorbeigefahren und hat gesagt, der Krieg ist zu Ende“
Joachim Dartsch, Jahrgang 1926: „Am 8. Mai 1945 war ich in Flensburg. Da ist einer mit dem Motorrad vorbeigefahren und hat gesagt, der Krieg ist zu Ende. Da waren wir ganz zufrieden. Wir lagen ja in den Zelten im Dreck und hatten nichts zu essen.

Ich hatte Glück gehabt, dass ich im Krieg nichts abgekriegt habe. Anfang 1944 bin ich eingezogen werden. Ich habe die Bombenangriffe in Berlin miterlebt, bei uns in der Blumenstraße in der Nähe vom Flughafen. zum Beispiel  am 30. Januar 1944. Das war keine gute Zeit.

1946 bin ich nach Berlin zurückgekommen. Ich habe bei der AEG angefangen und bin in die Gewerkschaft eingetreten. Ich hatte Werkzeugmacher gelernt, da habe ich 33 Jahre gearbeitet, bis zur Pleite. Ich habe Werkzeuge für Waschmaschinen und Fernseher gemacht. Das war mein Berufsleben.

So einen Gedenktag am 8. Mai könnte man schon machen, das fände ich gut. Dann erinnert man sich, dass das nicht wieder passieren darf."
 

Auf der Flucht: „Da waren wir froh, dass der Krieg vorbei ist“
Elly Hager, Jahrgang 1927: „1945 war ich in Österreich, aber ich bin ja aus Klaipėda aus Memel. Wir waren auf der Flucht in Österreich und da haben sie uns mitgeteilt, dass der Krieg zu Ende ist. Da waren wir froh, dass der Krieg vorbei ist.

Wir sind dann weiter nach Erfurt, da hatten wir Verwandte. Ich war mit meiner Tante unterwegs, wir sind erst mit einem Wagen gefahren, dann mit dem Zug, wir waren in Tschechien und in Österreich und dann in Sachsen.
Ich habe bis 1946 in Erfurt gelebt, 1947 bin ich nach Berlin. Ich war Glasbläserin und habe die ersten Jahre auch als Glasbläserin gearbeitet. Später habe ich bei Gillette und bei Vissmann gearbeitet, 1973 bin ich in die IG Metall eingetreten, weil ich dann besser abgesichert war.

Ich fände das gut, dass der 8. Mai ein Feiertag wäre, die Gewerkschafter sollen ja auch mal einen Tag mehr frei haben. Und die Menschen sollen sich an den Krieg erinnern. Ich war erst 17 Jahre alt, als wir weg mussten. Wir sind andauernd auf der Flucht gewesen. Wir hatten einen Bauernhof und ein schönes Zuhause in Memel, das habe ich mein Leben lang vermisst.“

 

Auf dem Fischkutter: „Für uns war es ein Glückstag, dass der Krieg zu Ende war“
Gerhard Diestel, Jahrgang 1922: „Ich erinnere mich ganz gut an den 8. Mai. Ich war in Liepāja, das ist eine Hafenstadt in Lettland in der Hafenstadt. Ich war mit meiner Einheit auf einem Fischkutter. Wir waren 100 Leute und wollten Richtung Westen. Die Besatzung des Fischkutters hat uns gesagt, dass der Krieg vorbei ist.

Ich war so glücklich, dass der Krieg vorbei ist, und ich hatte Glück, dass ich auf dem Fischkutter war. Wir wollten nach Hause und sind dann in der Kieler Bucht von den Engländern in Gefangenschaft gekommen und interniert worden, in Schleswig-Holstein in Dransau, in der Nähe von Eutin, da haben wir ein halbes Jahr in Kuhställen gelebt. Ich bin dann in die englische Zone entlassen worden. Ich habe Elektroschlosser gelernt und mein Berufsleben im Spreewald im Kraftwerk gearbeitet, ich war Mitglied der Gewerkschaft.

Ich bin sehr dafür, dass der 8. Mai ein Feiertag wird. Für uns war es ein Glückstag, dass der Krieg zu Ende war. Ich spreche auch mit meinen Enkeln über den Krieg. Das ist manchmal ein bisschen kompliziert, die Enkel sehen den Krieg ja nur in Bildern. Die Kinder haben ja die Trümmer noch miterlebt."

 

In Babelsberg: „Da haben wir gejubelt, als wir gehört haben, dass der Krieg zu Ende ist“
Irmtraut Quintero-Rodriguez, Jahrgang 1929: „Ich war am 8. Mai 1945 in Babelsberg, da bin ich geboren, da haben wir gejubelt, als wir gehört haben, dass der Krieg zu Ende ist. Wir haben gedacht, endlich haben wir unsere Freiheit wieder und jetzt wird endlich alles besser. Wir waren froh, dass der Krieg zu Ende war.

Ich war zehn Jahre, als der Krieg angefangen hat, ich war ja noch ein Kind. In Babelsberg hatten wir immer die Flieger über uns drüber weg. Wir wurden zwar nicht ausgebombt, aber gehört haben wir die Flieger immer. Wir mussten in den Luftschutzkeller und sind wieder raus, wenn es vorbei war. Babelsberg war ja zum  Glück nicht Berlin. Das war bedrückend im Keller, man konnte nicht raus und hat das Brummen der Flieger gehört.

Ich war ja im Osten und bin 1960 dann nach Westberlin. Ich habe in der Metallbranche als Maschinenarbeiterin gearbeitet und bin in die IG Metall eingetreten, das war gut. Die IG Metall hat viel gemacht, sonst wäre ich auch nicht bis heute drin geblieben. Mein Mann ist gebürtiger Spanier, der ist in den 60ern als Gastarbeiter nach Berlin gekommen.

Ich finde es gut, wenn der 8. Mai Feiertag wird. Das wäre gut, damit man sich immer an die Zeit erinnert. Ich erzähle auch meinen Kindern, was man alles mitgemacht hat. Allein schon mit dem Essen. Wir können ja improvisieren, das haben wir damals gelernt. Jetzt mit dem Virus müssen wir wieder improvisieren.“

Hier könnt Ihr die Petition des VVN/BdA unterschreiben und unterstützen.

Der DGB und diverse andere Organisationen haben als Bündnis für ein weltoffenes und tolerantes Berlin eine Erklärung zum 8.Mai herausgegeben, die Ihr hier lesen könnt.