Tarifrunde Metall- und Elektroindustrie

Deutlich mehr in zwei Stufen! Entgelterhöhung und 3.000 Euro netto – Ein Interview zum Ergebnis mit Jan Otto

  • 22.11.2022
  • Andrea Weingart
  • Aktuelles, Tarifrunde 2022

Geschafft! Pilotabschluss in Baden-Württemberg erzielt! Am 18. November gab es einen Durchbruch im Tarifkonflikt der Metall- und Elektroindustrie: Die Tarifvertragsparteien in Baden-Württemberg haben sich auf einen Pilotabschluss geeinigt: eine Entgelterhöhung in zwei Stufen plus 3000 Euro netto Inflationsausgleichsprämie. Wir sprechen mit Jan Otto, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Berlin, über das Ergebnis.

Jan Otto am 17. November beim Warnstreik in Marienfelde - hier mit Fevzi Sikar, Betriebsratsvorsitzender im Mercedes-Benz Werk und seinem Stellvertreter Bojan Westphal

Jan, bevor wir ins Detail gehen: Was denkst Du grundsätzlich über das Ergebnis in Baden-Württemberg?

Ich habe nicht damit gerechnet, dass die Arbeitgeber sich so schnell bewegen lassen und als das Ergebnis am frühen Morgen gemeldet wurde, habe ich gedacht: Wow, wir haben es echt geschafft! Schließlich sah es in dieser Tarifrunde so aus, als gäbe es gar kein Einlenken der Arbeitgeber. Dass wir es ist mit unseren Forderungen ernst meinen, haben wir mit unseren Warnstreiks gezeigt. 900.000 Metallerinnen und Metaller waren auf den Straßen. Das hat die Arbeitgeber beeindruckt, sie hatten großen Respekt vor unbefristeten Streiks.

Warum wird das Entgelt erst im Juni 2023 um 5,2 Prozent erhöht? Und dann im Mai 2024 auf 3,3 Prozent?

Wichtig ist es, den Abschluss im Ganzen zu betrachten. Im ersten Schritt gibt es durch die Sonderzahlung monatlich 300 Euro netto bis die Tabellenerhöhung wirkt. Dazu wurde die Inflationsausgleichsprämie in Höhe von 1.500 Euro verhandelt, die bis Februar 2023 und 1.500 Euro bis Februar 2024 gezahlt werden muss. Für viele Unternehmen ist unklar, wie sich ihre wirtschaftliche Lage auf Grund der Krisen für sie entwickeln wird. Daher war der zeitliche Spielraum für die Arbeitgeber ein wichtiger Baustein.

Eine dauerhafte Erhöhung der Entgelte ist für uns, als IG Metall, elementar. Die Preiserhöhungen lösen sich ja nicht plötzlich in Luft auf. Laut den Berichten aus Baden-Württemberg war die tabellenwirksame Erhöhung für die Arbeitgeber ein extremer Streitpunkt, weil zu hoch - und führte fast zum Scheitern der Verhandlungen.

Hätten wir die Inflationsausgleichsprämie nicht sowieso alle bekommen?

Ob es die Inflationsausgleichsprämie gibt oder nicht, ist immer eine Frage der Kampfkraft. Die Bundesregierung hat den Unternehmen ja nicht 3.000 Euro geschenkt, sondern sie hat nur festgelegt, dass dieser Betrag steuerfrei, also brutto gleich netto ausgezahlt werden darf. Es ist also absolut keine Selbstverständlichkeit. Vor allem ist es nicht selbstverständlich, dass wir die Prämie in voller Höhe verhandelt haben.  

Was bekommen die Auszubildenden?

Zu Beginn des Jahres 2023 gibt es die erste Stufe der Inflationsausgleichsprämie von 550 Euro für Auszubildende, zahlbar bis Ende Februar. Im Juni 2023 steigen die Tarifentgelte um 5,2 Prozent.  Anfang 2024 erhalten die Auszubildenden die zweite Stufe der Inflationsausgleichsprämie in Höhe von 550 Euro. Im Mai 2024 steigen die Tarifentgelte dann um 3,3 Prozent.

Wird der Abschluss jetzt 1:1 für Berlin-Brandenburg übernommen?

Am 25. November gibt es einen Termin für die Übernahmeverhandlung für Berlin und Brandenburg. Wir gehen davon aus, dass die wesentlichen Grundbestandteile übernommen werden.

Gilt dieser Tarifabschluss dann für alle Beschäftigten?

Der Tarifvertrag gilt für alle, die Mitglied der IG Metall sind, die unter einen Tarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie fallen oder einen entsprechenden Haus- oder Anerkennungs-Tarifvertrag.

Wichtig ist auch die Wirkung des Tarifvertrages einer so bedeutenden Branche auf andere Bereiche. Beispielsweise profitieren auch die Leiharbeitnehmerinnen und Leiharbeitnehmer.

Wie geht es jetzt weiter?

Wir müssen uns jetzt die Zeit nehmen,  um die nächste Tarifrunde vorzubereiten. Wir erleben gerade, dass die Auseinandersetzungen härter werden. Und ich verrate euch jetzt kein Geheimnis: Wir bestehen nur, wenn wir in den Betrieben kampfstark sind. Berlin hat gut performt. Aber wir sehen auch noch großen Handlungsbedarf.  Rund 500 neue Mitglieder in den letzten drei Wochen unterstreichen, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden. So müssen wir weitermachen, damit wir stärker werden und mit voller Kraft in Verhandlungen gehen können. Zukunft selber machen! So geht das!