Siemens-Aktionstag: Dienstag, 9. Juni 2015

Siemens: Interview mit Günter Augustat, Betriebsratsvorsitzender im Gasturbinenwerk Berlin

  • 08.06.2015
  • aw
  • Aktuelles, Siemens

Nach Bekanntwerden von Stellenabbauplänen des Siemens-Vorstands, bangen 800 Kolleginnen und Kollegen im Gasturbinenwerk um ihren Arbeitsplatz. Jeder vierte Arbeitsplatz soll wegfallen. Am 29. Mai besuchte der Regierende Bürgermeister Michael Müller das Gasturbinenwerk in Moabit und forderte Siemens zu einem Bekenntnis zum Standort in der Berliner Huttenstr. auf. Ein Interview mit Günter Augustat, Betriebsratsvorsitzender im Siemens Gasturbinenwerk in der Huttenstraße.

Foto: Christian von Polentz/transitfoto.de

Günter, wie ist die Reaktion auf den Besuch vom Regierenden Bürgermeister bei Euch im Werk?

Am Standort ist eine große Betroffenheit und Unverständnis über die geplanten massiven Restrukturierungen im Gasturbinenwerk spürbar. Die Kolleginnen und Kollegen am Standort sind froh über die klaren Forderungen unseres Regierenden Bürgermeisters an die Siemens-Leitung, sich zum Gasturbinenwerk in der Huttenstraße zu bekennen. Sie schöpfen Hoffnung, dass die Gespräche zwischen der Leitung und den Betriebsräten ergebnisoffen sind und Alternativen zur Fertigungsverlagerung und dem Abbau hochqualifizierter Arbeitsplätze zugelassen werden.

Wie seht Ihr die Auswirkungen der Energiewende auf Euer Werk?

Hocheffiziente und gegenüber anderen Technologien CO2 einsparende Gasturbinen werden durch eine nicht optimal gesteuerte Energiewende in Deutschland und Europa in der Einsatzreihenfolge benachteiligt. Modernste Gas- und Dampfkraftwerke (GUD)  werden stillgelegt oder sind von Stilllegung bedroht und es gibt keinen Trend für neue GUD-Anlagen in Deutschland oder Europa. Das reduziert Gasturbinenneuauftrags- und Servicevolumen, da wir am Standort Gasturbinenersatzteile bis hin zu kompletten Gasturbinen über 100 MW fertigen.  

Aber, unsere Exportquote ist über 90 Prozent und wir fertigen Gasturbinen für den weltweiten Einsatz in den  50Hz Netzen und stützen aus Berlin das Fertigungsnetzwerk mit Rotoren und Komponenten für den 50 und 60Hz Bereich.

Am 3. Juni wurden aus  Ägypten insgesamt 24 Turbinen in Auftrag geben. Was bedeutet das für die Auslastung in Eurem Werk?

Uns freut dieser Auftrag für unsere effizienteste H-Klasse Technologie ausserordentlich. Die hier notwendige Zahl der Fertigungsstunden sichert mit weiteren Gasturbinenaufträgen eine gute bis sehr gute Auslastung. Wir haben am Standort eine Neuanlagenmontage, diese wird auch durch den Auftrag gesichert. Das heisst: Gute Arbeit für die nächsten zwei bis drei Jahre!

Wenn bei Euch 800 Stellen abgebaut werden, was bedeutet das? Betrifft das Eure Fertigungstiefe? Und wenn, wie?

Die Berliner Fertigungstiefe und Fertigungsflexibilität verbunden mit einer hohen Fertigungs- und Lösungskompetenz hat die Gasturbinenprototypenentwicklung, immer kurzfristigere Fertigungsanfragen für Neuanlagen und Serviceteile sowie die Lösung von Herausforderungen im Fertigungsnetzwerk nachhaltig ermöglicht und sichergestellt. Ein spezialisiertes Fertigungsnetzwerk und Lieferanten gehören jetzt schon zur Fertigungskette.

Jetzt soll die noch am Standort verfügbare Fertigungstiefe für Gehäuse und Rotorkomponenten zugunsten von Verlagerungen zu Lieferanten und Komponentenfertigungen im Netzwerk überwiegend ins Ausland und an Niedriglohnstandorten aufgegeben werden. Damit werden Kostenoptimierungen betrieben. Eine hochkomplexe Fertigung wird auseinander gerissen und wir befürchten Lieferzeiten- und Qualitätsprobleme und den Verlust der Reaktionsfähigkeit und Flexibilität für die Fertigung und Service.

Was macht Ihr als Betriebsrat, um all das zu verhindern?

Der Betriebsrat ist mit anderen Betroffenen des Power und Gas-Restrukturierungsprogramms wie Mülheim und  Görlitz vernetzt und wirbt in der Politik für den Standorterhalt mit Fertigungstiefe und Fertigungsflexibilität und sieht das angesichts der Herausforderungen der Zukunft – der Innovation neuer Gasturbinengenerationen und der Digitalisierungsanforderungen der Produktion -  nachhaltiger gegenüber der Reduzierung des Standortes auf ausschließlicher Montage von Gasturbinen.  

Zu unserem integrierten Standort der Forschung & Entwicklung (zum Standort gehören ein Prototypenteststand für komplette Gasturbinen und Brenner), Engineering, Service, Auftragsabwicklung und Vertrieb gehört eine kompetente Fertigung – nach Ansicht des Betriebsrats profitieren alle davon. Wir werden Argumente, die das unterstützen, mit der Leitung beraten. Wir wollen diese Restrukturierungen nicht hinnehmen. Die Kolleginnen und Kollegen am Standort zeigen, dass wir jetzt alle für unsere Fertigung zusammenstehen.

Warum ist es wichtig, dass sich viele am Aktionstag beteiligen?

Die von  Verlagerung bedrohte Fertigungskompetenz muss am Standort gehalten werden. Der Widerspruch – volle und schnelle Fertigung auf der einen Seite und massive Verlagerungsplanungen auf der anderen Seite - diesem Widerspruch muss Gehör verschafft werden. Und das eindringlich und geschlossen.

Macht mit am 9. Juni! Lasst uns zeigen, dass wir viele sind – und nicht bereit, still und leise alles zu erdulden!