21.02.2025 | Im Februar gab es gute Nachrichten für Siemens Mobility. Ein Großauftrag der Deutschen Bahn geht an mehrere Unternehmen. Was bedeutet das für die Beschäftigten in Berlin? Wie lebt es sich mit der Umsetzung der 35-Stundenwoche? Frank Kasischke, Betriebsratsvorsitzender bei Siemens Mobility, berichtet.
Frank, kannst Du uns bitte zu Beginn beschreiben, was ihr bei Siemens Mobility in Berlin am Standort macht?
Bei uns am Standort entwickeln wir gemeinsam mit dem Standort in Braunschweig digitale Lösungen für ETCS, also Zugsteuerung und Zugsicherungsgeräte für Fahrzeuge. Und diese werden dann auch für die Fahrzeuge engineert. In unserem Werk arbeiten 250, bald 300 Kolleginnen und Kollegen. Hier findet Manufacturing statt, also echte Handarbeit, um zum Beispiel maßkonfigurierte Signale für die Strecken zu fertigen. Es geht von Achszählern, Relais und Trafos für Stellwerke und Weichenantrieben, also den großen Maschinen am Gleis, bis zur Schrankfertigung. In solche Schränke wird unter anderem das ETCS (European Train Control System) eingebaut, also das neue Zugsicherungssystem, eine ATO für führerloses Fahren oder eine LZB, ein etwas älteres, aber durchaus noch gebräuchliches Zugsicherungssystem. Im besten Fall schiebt man den Schrank dann in den Zug und bringt nur noch zwei Stecker an. Das ist in Wirklichkeit etwas komplexer.
Wo genau liegt Euer Standort?
Unser Standort ist in Treptow, am Rande zu Neukölln. Von unserer Straßenseite aus schauen wir rüber in den Westen. Auf der Heidelberger Straße verläuft der ehemalige Mauerstreifen. Dort war das ehemalige Werk für Sicherungs- und Signaltechnik in Berlin, vor der Wiedervereinigung. Seitdem haben wir hier unseren Firmensitz mit Siemens Mobility.
Ihr habt lange für die 35-Stundenwoche gestritten. Wie lebt es sich jetzt mit der Umsetzung?
Wir sind ein Betrieb in zwei Stadtteilen. Einmal in Spandau mit 400 Beschäftigten, die im Tarifgebiet I schon seit langem die 35-Stundenwoche haben. Und dann gibt es in der gleichen Betriebsratseinheit nochmal gut 1.000 Beschäftigte, die im Tarifgebiet II arbeiten. Wir sind hier in Treptow seit Oktober 2024 bei 36 Stunden in der Woche angekommen. Und die Stimmung in der Belegschaft ist inzwischen echt gut. In den ersten beiden Jahren der Umsetzung war das echt schwierig. Wir haben in dieser Zeit noch mit Zwischenlösungen arbeiten müssen, um Ressourcen besser abzudecken. Also haben die Kollegen im Werk beispielsweise weiter 38 Stunden gearbeitet. Das wurde zwar im Gleitzeitkonto angerechnet, aber es hat viel Unmut ausgelöst. Jetzt arbeiten alle – außer in der Außenmontage – 36 Stunden und die Zufriedenheit ist deutlich gestiegen.
Wann habt ihr wirklich die 35?
Im Oktober 2026 ist der Übergangszeitraum geschafft. Dann haben wir hier nach mehr als 35 Jahren Einheit auch die 35-Stundenwoche. Gregor Gysi (Die Linke) hat mal auf einem unserer Warnstreiks gesagt, dass er so lange im Bundestag bleibt, bis die 35-Stundenwoche hier am Standort wirklich gilt. Er muss also wohl nochmals in den Bundestag gewählt werden…
Wie ist die Lage bei Euch im Unternehmen? Ihr habt gerade einen Großauftrag von der Deutschen Bahn bekommen, oder?
Ja, wir haben große Rahmenverträge bekommen. Das letzte große Projekt war die Riedbahn in Süddeutschland, wo wir als Standort mit unseren Monteuren und Materialien ausgeholfen haben. Und die nächsten Großprojekte kommen. Der Hochleistungskorridor Berlin-Hamburg ist schon in der Pipeline und versorgt uns mit mehr Aufgaben und Arbeit, als wir eigentlich stemmen können. Wir bauen gerade Personal auf. Wie wir die Sachen ins Werk kriefen, müssen wir sehen, denn unser Raum ist hier vor Ort begrenzt. Unser Werk ist räumlich gesehen zu klein. Daher haben wir Schichten eingeführt, um das zu stemmen. Wir haben sehr, sehr viel zu tun in den nächsten Monaten. Für uns ist eher die Frage, woher kriegen wir die Fachleute, die Kompetenzen, um diese ganzen Projekte zu erledigen? Das treibt uns gerade um.
Bildet ihr eigentlich auch aus?
Ja, wir haben momentan im Schnitt 70 Auszubildende. Im August kommen 25 neue Auszubildende dazu. Wir bilden Mechatroniker, Elektroniker für Betriebetechnik und im Dualstudium Bachelor Engineering Wirtschaftsingenieur für Eisenbahnwesen aus. Und dazu kommen kaufmännische Berufe wie Industriekaufleute für die Bürobereiche und auch viele Azubis für die Montage draußen. Fachleute in der Außenmontage sind schwer zu finden, da sie viel auf Reisen und weg von zuhause sind. Aber wir finden auch hier den einen oder anderen, der an dieser Arbeit „im Freien“ Spaß findet.
Wobei unterstützt Euch die IG Metall Berlin?
Die IG Metall hat uns besonders bei der 35-Stundenwoche unterstützt. Hier am Standort lief es lange sehr zäh und das hat für richtig miese Stimmung gesorgt. Dieses Gefühl der Zweiklassen-Gesellschaft: In einem Betrieb 35 Stunden und dann in dem anderen 38 Stunden. Da war sehr lange richtig schlechte Laune hier am Standort. Und nun die Umsetzung: Dass das über die Bühne gegangen ist, war einer der wichtigsten Schritte.
Mit Philipp Singer haben wir am Montag gemeinsam besprochen, wie wir die Kolleginnen und Kollegen dafür begeistern können, aktiv bei der IG Metall mitzuarbeiten. Wir haben genügend sozialpolitische Themen im Betrieb. Dafür brauchen wir die Unterstützung der IG Metall mit ihrer Kompetenz. Auch bei der Ansprache und Motivation werden wir von der IG Metall gut unterstützt. Wir denken auch schon an die Betriebsratswahlen 2026. Gerade vorhin hatte ich einen Kollegen bei mir im Betriebsratsbüro, der gesagt hat, er würde gerne im Betriebsrat mitarbeiten und sich zur Wahl stellen. Dann frage ich natürlich: Bist du denn schon IG Metall-Mitglied? Wir haben bei uns eine offene Listenwahl, also eine echte Personenwahl. Im Betriebsrat sind bei uns alle Metallerinnen und Metaller, aber so können die Leute persönlich gewählt werden. Ich hoffe, dass es nächstes Jahr auch wieder funktioniert.
Hast Du Forderungen an die Politik?
Ja, meine klare Forderung ist, dass das Budget für den Ausbau des Schienennetzes und die Instandhaltung weiter ausgebaut wird. Unsere Monteure berichten uns laufend, dass ihnen vor Ort das Material in den Händen auseinanderfällt. Wir brauchen neue Technik, denn es muss viel neu gemacht werden. Und diese neuen Aufträge erreichen uns bei Siemens und die anderen Mitbewerber nicht. Uns geht es nicht darum, dass wir mehr zu tun haben wollen. Aber wir wissen, dass das Schienennetz nicht so ist, wie es sein sollte. Es muss besser werden.
Siemens Mobility in Treptow und Spandau:
Bei Siemens Mobility arbeiten in Treptow und im Verwaltungsgebäude in Spandau insgesamt 1.570 Beschäftigte. Die Kolleginnen und Kollegen entwickeln und engineeren digitale Lösungen für ETCS, also Zugsteuerung und Zugsicherungsgeräte für Fahrzeuge und auch Stellwerkstechnik. Im Werk arbeiten davon 250, bald 300 Kolleginnen und Kollegen. Hier findet Manufacturing statt, also echte Handarbeit, um Signale für die Strecken zu fertigen. Es geht von Achszählern und Weichenantrieben bis zur Schrankfertigung.