Interview mit Bettina Haller

Siemens Mobility: intensive Zusammenarbeit über alle Grenzen hinweg

  • 18.10.2018
  • rk
  • Aktuelles, Siemens

Die Siemens Mobility soll Anfang nächsten Jahres mit der Alstom S.A. zusammengeführt werden. Was aber bedeutet die Fusion für die Beschäftigten? An welchen Stellschrauben dreht der Gesamtbetriebsrat? Und in welcher Sprache diskutieren die Gewerkschafter beider Länder miteinander? Die Vorsitzende des neuen Gesamtbetriebsrates, Bettina Haller redet Klartext.

Seit dem 2. August 2018 ist Bettina Haller Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates bei Siemens Mobility GmbH.

Siemens und Alstom bereiten sich auf die Fusion vor. Was bedeutet diese für den Gesamtbetriebsrat der Siemens Mobility GmbH?
Wir vom Gesamtbetriebsrat sind damit beschäftigt, Strukturen aufzubauen. In der GmbH benötigen wir nach ihrer Herauslösung aus der Siemens AG einen eigenen Wirtschaftsausschuss, einen eigenen Aufsichtsrat, bis hin zu einem Büro für den Gesamtbetriebsrat mit dazu gehörigen Mitarbeitenden. Außerdem sind die Ausschüsse zu bilden und die Arbeit muss verteilt werden. Die neu ins Gesamtbetriebsratsgremium gewählten Mitglieder müssen lernen, ab und zu ihre lokale Brille abzusetzen und ihren Blick auf den Gesamtbetrieb richten.

Was passiert mit den komplexen Betriebsstrukturen?
Siemens verfügt deutschlandweit über 25 bis 30 Vertriebs- und Servicestandorte (Niederlassungen) und viele von diesen haben einen kleinen Mobility-Anteil. Diese gilt es herauszulösen und in fünf Flächenbetrieben zusammenzufassen. In diesen müssen wir dann Wahlen für den Betriebsrat, die Jugend- und Auszubildendenvertretung sowie die Schwerbehindertenvertretung organisieren.

Das klingt nach sehr viel Unruhe und Ungewissheit. Wie ist die Stimmung unter den Beschäftigten?
Bezüglich der Siemens Mobility GmbH herrscht aufgrund der Auftragslage gute Stimmung. Das gilt nicht für die Fusion, denn diese beunruhigt viele Beschäftigte. Es gibt viele offene Fragen. Was heißt die Fusion für mich als Beschäftigte oder Beschäftigter? Was heißt das für meinen Standort und Lebensmittelpunkt?

Die Auftragslage ist gut. Die Fusion aber beunruhigt viele Beschäftigte.

Welche Unsicherheiten siehst Du?
Zum einen haben wir eine Beschäftigungsgarantie für vier Jahre aushandeln können. Aber wir sind nicht blauäugig. Die Fusion hat das Ziel, Synergien zu heben, sprich Kosten zu sparen und das geht häufig zu Lasten der Beschäftigten. Hier hoffen wir, dass wir dauerhaft mehr Aufträge generieren und darüber die negativen Einspareffekte bei den Beschäftigten auffangen können. Hinzu kommt die Digitalisierung.

Wo liegen hier die Herausforderungen?
Der Vorstand spricht gerne über die Herausforderungen, die sich aus Digitalisierung und Industrie 4.0 ergeben. Wenn wir nachfragen, was diese für die Beschäftigten bedeuten, sind die Antworten jedoch spärlich. Die Kolleginnen und Kollegen wollen aber wissen in welche Richtung es gehen soll, welche Kompetenzen dafür gebraucht werden und wie sie diese erwerben können. Da wollen wir auch am Zukunftsfonds der Siemens AG partizipieren.

Die Beschäftigten wollen wissen, in welche Richtung die Digitalisierung geht.

Neben den Strukturen, die ihr in diesem Jahr und im nächsten Jahr aufbauen müsst. Welche Forderungen habt ihr an den Vorstand?
Der Zusammenschluss mit Alstom bedeutet, unterschiedliche Unternehmenskulturen müssen verschmelzen. Dazu wird eine intensive Zusammenarbeit über die Grenzen hinweg notwendig sein, von der niemand heute sagen kann wie diese funktionieren wird. Deshalb fordern wir nicht nur ein Konzept für jeden einzelnen Standort, sondern auch ein Integrationskonzept. Denn es sind die Menschen, die zusammenarbeiten werden und dieses Miteinander müssen wir intelligent organisieren, damit die Fusion erfolgreich ist.

Warum sind Deiner Meinung nach Standortkonzepte notwendig?
Wir wollen Standorte und Beschäftigung über die garantierten vier Jahre hinaus absichern und im besten Falle auch weiter ausbauen. Dafür müssen und wollen wir heute bereits die Weichen stellen.

Was bedeutet die Fusion für die Zusammenarbeit von Betriebsratsgremien und Gewerkschaften?
Diese findet auf mehreren Ebenen statt. Hier in Deutschland werden wir künftig mit den Kolleginnen und Kollegen von Alstom zusammenarbeiten. Durch unsere Branchenausschüsse kennen wir viele Betriebsrätinnen und Betriebsräte von Alstom bereits. Darüber hinaus wollen wir aber auch mit den französischen Gewerkschaften kooperieren. Zudem bedeutet Siemens-Alstom für uns nicht nur Deutschland und Frankreich. Vielmehr wollen wir auch die Beschäftigten in den anderen europäischen Ländern einbeziehen und ihnen die gleiche Sicherheit verschaffen. Das machen wir über unsere Euro-Betriebsrätinnen und -räte und diskutieren diese Fragen mal in Paris, Brüssel oder Berlin.

Die Fusion ist auch ein europäisches Projekt.

Wie müssen wir uns diese Zusammenarbeit vorstellen? Wie verständigt Ihr Euch?
Auf europäischer Ebene gibt es klare Spielregeln; die Geschäftssprache ist Englisch. Wo wir damit nicht weiterkommen, arbeiten wir mit Übersetzerinnen und Übersetzern. Das ist einerseits aufwändig, andererseits ist es natürlich auch ein spannendes Experiment. Ziel sollte schon sein, dass man sich auch ohne Dolmetscher verständigen kann, wir haben damit im Europabetriebsrat von Siemens gute Erfahrungen gemacht.

Warum ist die Fusion ein spannendes Projekt?
Die Besonderheit der Fusion ist, dass hier nicht nur ein französisches und ein deutsches Unternehmen fusionieren, sondern dass dieser Zusammenschluss hinsichtlich der Industriepolitik in Europa eben ein europäisches Projekt ist. Wir haben ein „High Level Komitee“ beschlossen. Da sitzen Vertreterinnen und Vertreter des französischen wie deutschen Wirtschaftsministeriums, von französischen und deutschen Arbeitnehmervertretern sowie aus dem Management. Wie dieses Gremium arbeiten wird, wissen wir noch nicht. Aber hier im europäischen Kontext für die Beschäftigten wirken zu könne, darauf freue ich mich.

 

 


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