Berliner Handwerker verdienen besonders schlecht:

Der ewige Lohnrückstand im Handwerk

  • 23.03.2018
  • bb
  • Aktuelles, Handwerk, Betriebsräte/Vertrauensleute

Vollzeitbeschäftigte Handwerker haben 2016 ein Durchschnittseinkommen von 3217 Euro pro Monat, Arbeitnehmer in nicht-handwerklichen Betrieben von 4180 Euro. Somit verdienen Handwerker nur 76,96 Prozent dessen, was die Anderen verdienen – in Berlin ist die Entlohnung noch schlechter. Das zeigt eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung.

circuit

Die genannten Zahlen werden bei der Mehrzahl der Berliner Handwerker ein bitteres Lächeln hervorrufen, wenn sie den Vergleich zu ihren Einkommen ziehen. Da ist der Blick auf die ostdeutschen Zahlen schon realistischer. Demnach beträgt das Durchschnittseinkommen der Handwerker 2510 Euro gegenüber 3262 Euro der übrigen Arbeitnehmer (76,95 Prozent).
Dies ist mehr als das tarifliche Monatseinkommen der Berliner Elektriker (2244,60 Euro), Tischler (2197,62 Euro) oder Kfz-Mechatroniker (2506 Euro). Der Grund liegt darin, dass ein Durchschnittseinkommen alles beinhaltet, nicht nur den Tariflohn, es ist sozusagen das Effektiveinkommen.

Die Lohnlücke baute sich ab den 1970er Jahren auf und stabilisierte sich in den zurückliegenden zehn Jahren. Es überrascht nicht, dass die Ausbildungsvergütungen diesem Trend folgen: Handwerks-Azubis in Ostdeutschland erhalten nur 81 Prozent der durchschnittlichen ostdeutschen Ausbildungsvergütung.

Was sind die Ursachen für den Lohnrückstand im Handwerk?


Ein Teil ist erklärbar: So sind zum Beispiel qualifikatorische Unterschiede (unterschiedliche Anteile der hoch und niedrig qualifizierten Mitarbeiter) mit 7,8 Prozentpunkten und Betriebsgrößenunterschiede (Handwerksbetriebe sind kleiner) mit 6,1 Prozentpunkten für den Lohnrückstand verursachend.

Besonders groß sind die Unterschiede für Gesellen im Bereich der Metall- und Elektroberufe. Sie sind im späteren Erwerbsleben überdurchschnittlich oft in Industriebetrieben tätig, wandern wegen der besseren Verdienstmöglichkeiten zwischen 3,19 Euro und 6,68 Euro Plus je Stunde aus dem Handwerk ab.

Die unterdurchschnittliche Tarifbindungsquote im Handwerk – über 70 Prozent sind nicht tarifgebunden – drückt ein weiteres Problem aus und ist mit 3,4 Prozentpunkten für den Lohnrückstand im Handwerk verantwortlich.

Die Innungen sind schlecht organisiert und verweigern sich in der Regel, Tarifverträge abzuschließen. So kann man die Berliner tarifschließenden Innungen an einer Hand abzählen, die mit der IG Metall Tarifverträge verhandelt haben.
Handwerker in tarifgebundenen Betrieben verdienen sechs Prozent je Stunde mehr als Handwerker in tariflosen Betrieben. Gibt es Tarifverträge, wird in Ausnahmefällen durch beide Tarifvertragsparteien angestrebt, die Allgemeinverbindlichkeit zu beantragen. Leider scheitern diese Vorhaben zu oft am schlechten Organisationsgrad der Innungen. Sofern es im Handwerk Flächentarifverträge gibt, liegen die Stundenverdienste 3,56 Euro unter denen der sonstigen Flächentarifverträge. Eine Lücke, die ohne Allgemeinverbindlichkeitserklärungen kaum zu schließen ist.

Wenn ein Großteil des Lohnrückstandes im Handwerk auch erklärbar ist, bleibt eine Differenz von über 6,8 Prozent des Rückstandes übrig. Mit anderen Worten, hätte der Handwerksbetrieb die gleiche Qualifikationsstruktur, Betriebsgröße, Tarifbindung etc., wäre der Verdienst immer noch tiefer als in vergleichbaren Betrieben außerhalb des Handwerks.

Der Lohnrückstand im Handwerk ist nicht hinnehmbar. Wie kann man ihn reduzieren?

In erster Linie sind die Arbeitgeber in der Verantwortung. Die Verweigerung, Tarifverträge abzuschließen, muss aufgegeben werden. Imagekampagnen sind keine nachhaltige Maßnahme um an Arbeitskräfte zu kommen, wenn diese in besser zahlende Branchen abwandern.

Die Arbeitnehmer im Handwerk selbst stehen auch in die Verantwortung. Stärkere Gewerkschaften können mehr Einfluss als bisher auf die Verdienstmöglichkeiten nehmen. Oft setzt dies die Wahl gewerkschaftlicher Betriebsräte voraus. Es gibt genug positive Beispiele, in denen mittels aktiver Betriebsräte die Belegschaften gewerkschaftlich gut organisiert sind und Erfolge im Ringen um höhere Löhne erzielen.

Geschieht dies alles nicht, wird sich in Zukunft nichts am Lohnrückstand ändern. Was dann bleibt, ist eine verstärkte Abwanderung in besser bezahlte Bereiche. Selbst ein besserer Arbeitsmarkt wird dies nicht verhindern, sondern befeuern.