Geschichte

Foto: IG Metall
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100 Jahre Geschäftsstelle Berlin

Das IG Metall-Haus erzählt seine Geschichte

Berlin, die Hauptstadt Preußens, des einst reaktionären deutschen Staates, hatte bei der Gründung des Deutschen Metallarbeiterverbands (DMV) für Gewerkschaften keine Anziehungskraft. Mit dem Fall des Sozialistengesetzes (welches das Verbot sozialdemokratischer und sozialistischer Vereine und deren Aktivitäten - auch der Gewerkschaften beinhaltete) waren wohl auch in Preußen die politischen Verhältnisse etwas besser geworden, aber man traute dem neuen Kurs nicht. Daher war der Sitz des DMV gleich nach seiner Gründung nach Stuttgart, in die Hauptstadt Württembergs verlegt worden, wo damals die Demokratie kein leeres Wort war.

Alwin Brandes der Verbandsvorsitzende des DMV erklärte aus diesem Anlass:

„Wer die politischen Verhältnisse, wie sie kurz vor der Jahrhundertwende lagen, noch aus eigener Erfahrung kennt, weiß, warum die deutschen Gewerkschaften ihr Domizil nicht in der Reichshauptstadt aufgeschlagen haben. Berlin war bei der Gründung des Metallarbeiterverbandes im Jahre 1891 noch der Hort der Schlimmsten Reaktion. Mit der politischen wurde auch die gewerkschaftliche Arbeiterbewegung verfolgt und unterdrückt. Wenn auch das Sozialistengesetz gefallen war, so lebt noch lange der Geist Tessendorfs und Puttkammers (erreichten das Verbot der
Sozialistischen Arbeiterpartei) fort. Der Metallarbeiterverband ließ sich in Stuttgart nieder, wo man damals eine etwas reinere politische Luft atmen konnte als in Preußen.“

Diese Aussage traf auch auf viele andere Verbände und Verlage zu.

Mit dem Vereinsgesetz von 1908 traten andere politische Verhältnisse ein. Zunehmend verlegten Verbände und Verlage ihren Sitz in die Reichshauptstadt.

Berlin war nicht nur politische Reichshauptstadt. Berlin war auch das Zentrum der Metall- und Elektroindustrie.

1913 auf dem Verbandstag in Breslau begann die Diskussion um die Verlegung des Sitzes des DMV nach Berlin. Mit Unterbrechung durch den Ersten Weltkrieg wurde dieser Antrag letztendlich 1928 auf dem Verbandstag in Karlsruhe beschlossen.

Nur ein Jahr später erfolgte die Grundsteinlegung für das jetzige Gewerkschaftshaus. Es war Sonntag der 21. Juli 1929. Der Vorwärts schrieb damals - Genosse Brandes schloss seine Rede mit den Worten: „Sie meine Herren Architekten und Ihre Mitarbeiter, bitte ich, das begonnene Werk so zu vollenden, daß nicht nur die jetzige, sondern auch die kommende Generation unserer Verbandsmitglieder mit Stolz und Freude das Haus betrachten werden, und daß auch alle anderen, selbst unsere Gegner, mit Respekt vor ihm stehen werden.“

Mit der Verlegung der Zentrale des DMV nach Berlin war die Suche nach geeigneten Gebäuden verbunden. Das 1912 erbaute Berliner Verbandhaus in der Linienstraße 83-85 erwies sich unter Berücksichtigung der kommenden Aufgaben und der technischen Erfordernisse als zu klein.

„Es wurde unter Berücksichtigung der Tatsache, dass das Verbandshaus nur in einer guten Verkehrslage errichtet werden darf, ein Grundstück der Linden AG an der Gitschinerstraße in unmittelbarer Nähe des Belle-Alliance-Platzes gegenüber dem Reichspatentamt erworben,“. (Alwin Brandes). Das Grundstück an der Alten Jakobstraße und einer neuen 32 Meter breiten Durchbruchstraße, der heutigen Lindenstraße. Es hat die Form eines gleichschenkligen Dreiecks.

Für den Neubau wurde ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben. Die Ausführung des Baues wurde schließlich an die Architekten Erich Mendelsohn und R.W. Reichel übertragen, die beide gemeinsam aufgrund der Ähnlichkeit ihrer Vorschläge den Wettbewerb gewonnen hatten. Die Ausführung trägt jedoch ausschließlich Mendelsohns Handschrift, da Reichel lediglich gute Beziehungen zur Gewerkschaftsspitze vorweisen konnte...

Der Baubeginn lag in den Zeiten des bedingten wirtschaftlichen Aufschwungs des Jahres 1929, die Fertigstellung war 1930. Die politische Stabilität des Staates und auch der Gewerkschaftsbewegung war schon geschwächt.

Die Errichtung des Hauses verzögerte sich nicht nur durch Planfeststellung, auch die Bauarbeiter, die das Haus errichteten, waren in Streikaktionen verknüpft.

Im „Jahr- und Handbuch für Verbandmitglieder über das Jahr 1929 des DMV“ heißt es dazu: „Der Neubau unseres Verwaltungsgebäudes konnte noch vor Eintritt der Kälteperiode unter Dach und Fach gebracht werden, obwohl die Arbeit durch den Streik der Bauarbeiter vier Wochen lang unterbrochen wurde. Inspiriert durch kommunistische Parolen verlangte die Belegschaft, die tarifmäßig bezahlt wurde, eine Wirtschaftsbeihilfe von 20 Mk. pro Woche. Ein Teil davon sollte zur Finanzierung des gegen unseren Verbandes geführten Streiks der Heizungsmonteure, Gruppe Niederkirchner, verwendet werden.“

Erich Mendelsohn hatte die Aufgabe ein Gewerkschaftshaus mit einer Architektur zu entwerfen, die ihre Bedeutung im Wirtschaftsleben Deutschlands angemessen repräsentierte. Der Bau besteht aus zwei Seitenflügeln die spitzwinklig in einen wesentlich höheren Kopfbau münden. Durch einen bogenförmigen Querbau, der die Seitenflügel verbindet, entsteht bei einer Draufsicht das Bild eines Elements von einem Zahnrad.

Die Giebelseiten des Hauses an denen sich heute die IGM-Embleme befinden schmückten das Verbandszeichen des DMV. Ein Zahnrad umschloss die Anfangsbuchstaben DMV.

In den Flügeln des Hauses waren die Büros untergebracht. Im Kopfbau befanden sich auf verschiedenen Etagen die Sitzungsräume des Vorstandes. Im Querbau wurde die Druckerei untergebracht. Für die Finanzierung des Gebäudes waren im Erdgeschoss Räume für vermietbare Ladengeschäfte mit verglasten Schaufenstern vorgesehen. Die Front des Kopfbaus ist mehrfach betont; am auffälligsten ist die konkave Einwölbung. Durch diese entsteht für den Betrachter eine Dynamik und ein harmonischer Abschluss. Auch die höheren Fenster der obersten Etage ins Auge.

Durch hochkant montierte Muschelkalkplatten und den runden Erker mit Fahnenmast wird besonders die Mitte der Hauptfront betont. Er befindet sich an der Spitze des Versammlungssaales und des Gebäudes und symbolisiert eine Radioantenne - ein Sinnbild für den modernen Transport der Kommunikation in den zwanziger und dreißiger Jahren.

Dieses gleiche architektonische Detail findet sich in Gebäuden in Israel, die von Mendelsohn entworfen wurden, z.B. im Haus Weizmann wieder.

Im fünften Obergeschoss befindet sich für die beschlussfassenden Gremien der Versammlungssaal. Dort laufen die Deckenträger und das Parkett konzentrisch auf die Spitze des Gebäudes zu. Das Mobiliar im Saal wurde nach Entwürfen von Mendelsohn angefertigt worden, in den Verwaltungsräumen benutzte man das alte aus Stuttgart. An der Fassade der Seitenflügel ist zu erkennen, dass die Fenster durchgängig in die Fassade eingeschnitten sind, ohne von Stützpfeilern unterbrochen zu werden. Das erklärt sich dadurch, dass sich die tragenden Wände auf der Innenseite der Büroflure befinden. Die auf Fassadenpfeilern ruhenden Träger überspannen die Büroräume vollständig und haben ihr Widerlager auf Stützen an der Innenseite der Büroflure. Dadurch können die Büroräume nach Belieben unterteilt werden. Wurde an den Straßenfronten klar zwischen Kopfbau und Flügeln und damit zwischen Vorstand und Verwaltung unterschieden, so vermied man an den Hofseiten jegliches Hierarchiestreben. Die Fronten sind einheitlich glatt verputzt und weiß gestrichen. Das Zentrum bildet der das Treppenhaus umschließende Halbzylinder, der durch Stützpfeiler und eingerahmt von den vertikalen Fensterbändern der Fahrstühle die vertikale Erschließung des Gebäudes darstellt.

Anlässlich des neunzehnten Verbandstages wurde 1930 das Gewerkschaftshaus des DMV auf dem Grundstück zwischen Linden- und Alte Jakobstraße eingeweiht.

Damit wechselte der DMV von Stuttgart nach Berlin.

Auf dem 19. ordentlichen Verbandstag des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes in Berlin heißt es dazu „Der Bau, der anfangs sehr gute Fortschritte machte, wurde durch Streiks unterbrochen... Die Rädelsführer sind dann nicht mehr am Bau erschienen, und der Hauptstratege bekam eine Einladung nach Russland für seine Heldentat. Außerdem wurden wegen der wichtigen Tatsache, dass der Deutsche Metallarbeiterverband bestreikt worden war, Glückwunschtelegramme mit Russland gewechselt.“

Das neue Verbandhaus befand sich in guter Nachbarschaft. Das Geschäftshaus des Vorstandes der SPD und die Druckerei des Vorwärts waren auf der anderen Straßenseite in der Lindenstraße in Sichtweite.

Auch ein Büro der „Eisernen Internationale“ war im IG Metallhaus untergebracht. Die „Eiserne Internationale“ ist der Vorläufer des Internationalen Metallarbeiterbundes (IMB).

Anmerkungen zur Geschichte:

Die Geburtsstunde der Metallarbeiterzeitung war bereits 1883.

Der erste Metallarbeiterverband wurde erst 1891 gegründet. Der Metallarbeiterverband in Berlingründete sich 1897. Das erste Verbandsbüro des Berliner Metallarbeiterverbandes befand sich in der Nähe des heutigen IG Metall Hauses in der Alten Jakobstraße Ecke Annenstraße im Bezirk Mitte.

Das Wirken der IG Metall in diesem Gebäude - in dem wir jetzt stehen - dauerte nicht lange. 1933 wurde der erste Mai von den Faschisten zum Feiertag erklärt. Auf dem Tempelhofer Feld fand eine große Maikundgebung statt. Am darauf folgenden Tag wurden von der SA die ersten Gewerkschaftshäuser besetzt, darunter das ADGB Gewerkschaftshaus am Engelbecken und in der Inselstraße.

Das Verbot der Gewerkschaften durch die Faschisten am 2. Mai 1933 wirkte sich nicht sofort aus. Im IG Metall Haus wurde noch bis Ende Mai gearbeitet. Der damalige Bevollmächtigte versuchte die Beschäftigten zu beschwichtigen. Es war der Versuch, die Gewerkschaftsarbeit zu retten. Ein verhängnisvoller Irrtum. Die Gewerkschaftsarbeit wurde Ende Mai von den Faschisten vollständig unterbunden. Der gleiche Bevollmächtigte, der zu beschwichtigen versuchte, Max Uhrig, gehört zu den ersten KZ Opfern und wurde nach Oranienburg verschleppt.

Die Deutsche Arbeitsfront (DAF) „übernahm“ das DMV – Haus. Das Haus brannte 1945 fast vollständig aus und wurde durch Bomben und schließlich durch das Heraussprengen der Nazi-Embleme in den Seitenteilen zerstört.
1952 wurde das Haus renoviert, und war erst dann wieder bezugfähig. Die Verwaltungsstelle Berlin zog in die erste Etage.

Das Haus lag am Rande von Kreuzberg bis 1989 nicht im Zentrum des Interesses. Nach der Wende im November 1989 wendete sich auch das Schicksal des Hauses. In großem Aufwand und unter Beratung von Schülern und des damals noch lebenden Büroleiters von Mendelsohn – Joachim Posener – wurde das Haus unter Federführung von Prof. Kafka (aus dem Büro „Roeder und Partner“ in Dortmund) aufwendig nach alten Bauplänen renoviert.

Unter Wiederherstellung der vielen Messingverkleidungen des Eingangsbereiches und der Etagenabtrennungen, der Wiederherstellung der alten Fenster und die Wiederherstellung der räumlichen Gestaltung, einschließlich des Versammlungssaales und der Treppenhausbeleuchtung lässt das Haus fast wieder so erstrahlen wie 1930.

Eine kleine Bemerkung am Rande: Wahrscheinlich hat das Überpinseln des Treppengeländers mit brauner Farbe durch einen weitsichtigen Hausmeister dieses Kleinod der Messingkunst bis in die heutigen Tage über Braune Zeit, die Zeit von Krieg und Naziherrschaft gerettet.

Mendelsohn, als jüdischer Architekt von den Nazis verschmäht, verließ Deutschland 1933. Sein Architekturstil findet sich in zahlreichen Gebäuden in Berlin und anderen Orten in der Welt, in England, Palästina und den USA wieder.

Ernst Sagebiel, ein Mitarbeiter von Mendelsohn, sympathisierte nach 1933 mit den Nazis und fand bei diesen eine neue Wirkungsstätte. Er war es, der den Flughafen Tempelhof und das ehemalige  Reichsluftfahrtministerium - das heutige Finanzministerium- nach Vorgaben von Albert Speer als Verantwortlicher Architekt geplant und ausgeführt hat.

Um zum Schluss noch einmal auf das IG Metallhaus zu sprechen zu kommen kann man sagen, dass durch die Dynamik des Gebäudes und der Fahnenstange, die das Haus überragt, das Bild eines Fahnenträgers entsteht, der an der Spitze einer Demonstration schreitet. Wenn es in den zwanziger Jahren ein Beispiel für Mendelsohns „sprechende“ Architektur gibt, dann ist es das Metallarbeiterhaus, das eine ganze Syntax bereithält. Es zieht den Betrachter in den Bann, es macht den gesellschaftsund sozialpolitischen Anspruch der Gewerkschaft sichtbar und ist zum symboltragenden Ausdruck des Deutschen Metallarbeiterverbandes, heute der IG Metall, geworden.


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