Berliner Beschäftigte solidarisieren sich mit Kollegen im Süden

Coriant/Infinera: Erst Berlin, jetzt München

  • 19.07.2019
  • mn
  • Aktuelles, Betriebsräte/Vertrauensleute, Infinera

Nachdem er den Berliner Standort abgewickelt hat, will der US-Konzern Infinera auch seinen Münchner Standort schleifen und 163 von 224 Vollzeitstellen abbauen. Die 61 restlichen sollen bleiben dürfen – aber nur wenn sich Betriebsrat und Beschäftigte dem Diktat des Konzerns unterwerfen. Die Berliner Beschäftigten von Infinera solidarisierten sich sofort mit den Münchnern.

So geht Solidarität - Die Berliner Infinera-Beschäftigten senden ein Signal nach München. Foto: (c) privat

Mit einem Autokorso, einer Petition und zahlreichen weiteren Aktionen kämpften die Kolleginnen und Kollegen bei Infinera Berlin 74 Tage für ihren Standort. Sie haben ihn nicht retten können - aber gleichzeitig viel erreicht.

(c) Foto 2 und 3: Christian von Polentz/transitfoto.de

Am 8. Juli hat Infinera verkündet, 163 von 224 Vollzeitstellen in München abbauen zu wollen. Gleichzeitig droht der Konzern, die gesamte Dependance komplett zu schließen, sollten Beschäftigte und Betriebsrat diesen Plänen nicht zustimmen. Auch das Budget für den Sozialplan werde niedriger ausfallen, sollten die Verhandlungen für Sozialplan und Interessenausgleich nicht bis Ende September abgeschlossen seien, also im Zeitraum der bayerischen Sommerferien.

„Mit dieser Erpressungstaktik gegenüber Beschäftigten und Betriebsrat will Verhandlungsführer Burkard Göpfert dem Betriebsrat den schwarzen Peter in die Schuhe schieben“, sagt Michael Rust, Betriebsratsvorsitzender bei Coriant/Infinera in München. Die Beschäftigten haben deshalb am 17. Juli im Rahmen einer Betriebsversammlung eine Protestaktion durchgeführt, an der sich auch Beschäftigte von Nokia sowie Kolleginnen und Kollegen des IG Metall-Bezirks Bayern solidarisch beteiligten.

Solidarität aus Berlin
Auch die Berliner Kolleginnen und Kollegen haben sich sofort mit den Münchner solidarisiert und ihnen den Rücken gestärkt. „Aus eigener Erfahrung wissen wir, wie wichtig es ist, dass die komplette Mannschaft geschlossen hinter dem Betriebsrat und seinem Verhandlungsteam steht. Gemeinsam werdet ihr diese schwierige Zeit durchstehen und zu einer guten Einigung gelangen“, schrieb die Belegschaft des Standorts Berlin.

Den Berliner Infinera-Beschäftigten hatte der Konzern Anfang des Jahres mitgeteilt, er werde den Berliner Standort schließen. Doch Betriebsrat, Beschäftigte und IG Metall haben die Erpressungsversuche gekontert, haben eine Petition gestartet und mit zahlreichen und kreativen Aktionen Politik und Gesellschaft mobilisiert. Mit einem Autokorso demonstrierten sie zum Beispiel vor der US-Botschaft und lösten ein bundesweites Echo aus. Am Ende konnten sie ihre Arbeitsplätze nicht erhalten, aber gemeinsam mit der IG Metall Abfindungen und Qualifizierungsmaßnahmen in Höhe von insgesamt 24,5 Millionen Euro erstreiten – und damit mehr als das Doppelte, was der US-Eigentümer anfangs zu zahlen bereit war. Und sie konnten der Öffentlichkeit aufzeigen, was Infinera und ihr Verhandlungsführer Burkard Göpfert sind: rüde, unsoziale Manchesterkapitalisten. Widerstand, so jedenfalls die Berliner Erfahrung, lohnt sich.

Forschungs- und Entwicklungsstandort München
Infinera in München ist in erster Linie ein Forschungs- und Entwicklungsstandort. „Wir entwickeln Produkte der Datenübertragung über Glasfaserkabel, die dann in Berlin gefertigt wurden“, erklärt Michael Rust. Zudem forschen sie in München an der nächsten und übernächsten Produktgeneration, auch mit Geldern der EU. „Unsere Ingenieure und Physiker entwickeln mit viel Spaß neue Verfahren und Produkte, weil sie sich für diese begeistern“, sagt Rust.

Patente ja, Verantwortung nein
In München wiederholt sich nun, was auch die Berliner Kolleginnen und Kollegen leidvoll erfahren mussten. Die Investoren aus Kalifornien haben 400 Millionen Euro für Coriant auf den Tisch geblättert. Es ging ihnen jedoch lediglich um die Patente und Kunden.

 


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